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Rezension:
Porträt der jüdisch-deutschen Epoche 1794 -1933
Amos Elon:
Zu einer anderen Zeit
Porträt der jüdisch-deutschen Epoche (1743-1933)
Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork
März 2003, 424 Seiten, 49 s/w-Abbildungen
EUR 24,90 / SFR 42,80, ISBN 3-446-20283-8
Die faszinierende Geschichte der Blütezeit der jüdisch-deutschen Epoche: Der israelische Schriftsteller und Journalist Amos Elon beleuchtet diese spannende und bewegende Periode der Kulturgeschichte, die 1743 mit der Übersiedlung Moses Mendelssohns nach Berlin beginnt und von Hannah Arendts Flucht im Jahr 1933 abgeschlossen wird.
Anhand atmosphärischer Reportagen, von Kurzporträts und Dialogen weckt Elon diese andere Zeit mit ihren Tragödien und Erfolgen, mit ihren großen Namen - wie Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Karl Marx und vielen anderen - wieder zum Leben.
Aus der Einleitung:
Im Herbst 1743 stand ein vierzehnjähriger Junge vor dem Rosenthaler Tor, dem einzigen in der Berliner Stadtmauer, das für Juden (und Vieh) zugelassen war. Fünf, sechs Tage war er, aus Dessau kommend, der Hauptstadt des kleinen Herzogtums Dessau-Anhalt, durch die Mark Brandenburg gewandert. Wir wissen nicht, ob er Schuhe trug; wahrscheinlicher ist, daß er barfuß unterwegs war.
Der Knabe, der später in ganz Europa als der berühmte Philosoph Moses Mendelssohn Anerkennung finden sollte, war klein und schmächtig für sein Alter. Er hatte dünne Arme und Beine, einen Buckel und stotterte. Der mißgebildete Rücken könnte genetisch bedingt (nach modernen medizinischen Erkenntnissen sind von dem ausgeprägtesten Typus, zu dem häufig noch das Stottern kommt, besonders Juden mitteleuropäischer Herkunft betroffen) oder die Auswirkung einer Rachitis gewesen sein, einer damals verbreiteten Kinderkrankheit. Das Äußere des Knaben »hätte das roheste Herz bewegen können«, wie ein Zeitgenosse schrieb, er hatte jedoch ein auffällig hübsches Gesicht.1 Funkelnde Augen unterstrichen die hohe Stirn, Nase, Wangen, Lippen und Kinn waren fein und wohlgeformt.
Der alleinreisende, mittellose Junge trug seine wenigen Habseligkeiten in einem Beutel auf dem Rücken. Für reisende Juden galten zu jener Zeit strenge Bestimmungen. Nur eine begrenzte Anzahl von reichen Juden (und gelegentlich auch ein Gelehrter) durfte sich in Berlin niederlassen, fahrenden Händlern indes wurde der Zutritt verwehrt. Juden, die die Stadt betreten wollten, und sei es nur für ein paar Tage, wurden über Herkunft und Zweck ihrer Reise ausgefragt. Sofern ihnen eine befristete Aufenthaltserlaubnis erteilt wurde, mußten sie Zoll entrichten, als wären sie eine Handelsware, und zwar denselben Zollsatz, der auf polnische Ochsen erhoben wurde. Dem Torsteher oblag es, »die ankommenden Juden anzuzeigen, auf dieselben Achtung zu geben und die fremden wegzuschaffen«.2
Im Preußen des aufgeklärten Friedrich II. ging es vergleichsweise toleranter zu als in den meisten anderen deutschen Staaten; offiziell galten die meisten Juden (und alle Leibeigenen) als minderwertige Menschen. Im Wachjournal des Torstehers von 1743 findet sich der Eintrag: »Heute passierten das Tor 6 Ochsen, 7 Schweine, 1 Jude.«3 Von Mendelssohns Befragung am Rosenthaler Tor sind mehrere Versionen überliefert. So soll der Wächter den Jungen, den er für einen Trödelhändler hielt, gefragt haben: »Jude, was hast du zu verkaufen? Vielleicht gefällt es mir.« Mendelssohn erwiderte: »Womit ich handle, das kaufen Sie ja doch nicht.« »Heraus damit! Womit handelst du?« »Mit V-V-Vernunft.« Einer anderen Quelle zufolge soll er auf die Frage, was er in Berlin zu tun beabsichtige, geantwortet haben: »Lernen.«

[ ... ]
Mendelssohn war der erste praktizierende Jude, der völlig in der deutschen Kultur aufging, und auch der erste deutsche Jude, der in ganz Europa als Philosoph und Gelehrter geschätzt und bewundert wurde. Er war ein enger Freund Lessings und anderer herausragender Vertreter der deutschen Aufklärung. Seine Zeitgenossen priesen ihn überschwenglich. Christian Martin Wieland grüßte ihn »mit dem heiligen Namen der Freundschaft«. Man nannte ihn einen »deutschen Sokrates« und einen »jüdischen Luther«. Weil er für einen aufgeklärten säkularen Staat eintrat, verglich Mirabeau ihn mit den Vätern der amerikanischen Verfassung.
Das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch priesen und idealisierten deutsche Juden voller Stolz die berühmten Freundschaften Mendelssohns zu Nichtjuden und schöpften Hoffnung daraus. Ihr Stolz war ein Indiz ihrer eigenen Schwierigkeiten, ähnlich wie er akzeptiert zu werden, und vielleicht auch ein Trost. Mendelssohn wurde ihr Schutzheiliger, ein Vorbild für all jene, die ihre ethnische oder religiöse Identität bewahren, am Kulturleben der Mehrheit aber teilhaben wollten. Er war der erste in einer langen Reihe von assimilierten deutschen Juden, die die deutsche Kultur verehrten und deren Bestrebungen zwei Jahrhunderte später ein so grauenhaftes und abruptes Ende finden sollten. Einige waren talentierter als andere, manche besaßen überhaupt kein Talent, aber die meisten fühlten sich dem Land ihrer Geburt auf das engste verbunden.
Ihre Geschichte, von den Tagen Mendelssohns bis zum Aufstieg des Nationalsozialismus – diese vielversprechende, aber auch bedrückende, komplizierte und am Ende so schreckliche Geschichte ist Thema des vorliegenden Buches. Es folgt der Sartreschen Definition, wonach derjenige Jude ist, der von anderen als Jude angesehen wird – unabhängig von seiner religiösen oder ethnischen Orientierung. Es ist eine historische, keine soziologische Studie. Anders als der Soziologe kann der Historiker mit dem Einzelfall leben. Das Buch verfolgt das Schicksal und die Ideen einiger interessanter, meist säkularer und oft faszinierender Personen, die vielleicht nicht repräsentativ, sondern eher Symbole waren. Niemand sah das Ende voraus. Die Dualität von Deutschen und Juden – zwei Seelen in einem Körper – beschäftigte und quälte die deutschen Juden im ganzen neunzehnten Jahrhundert und in den ersten Dekaden des zwanzigsten. Nirgendwo sonst in Westeuropa war diese Dualität so ausgeprägt und am Ende so tragisch.

Für die frühe Zeit liegen keine zuverlässigen Bevölkerungsstatistiken vor. Im achtzehnten Jahrhundert dürften in den deutschen Staaten kaum mehr als sechzigtausend Juden gelebt haben, weniger als ein halbes Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung. Zu dieser kleinen, verstreuten Gruppe kamen dann die Juden in Schlesien, Posen und anderen, überwiegend slawischen Ostgebieten, die Preußen in drei Kriegen erobert hatte. 1871 waren die Juden noch immer eine verschwindend kleine Minderheit, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung bei knapp über einem Prozent lag. Sechzig Jahre später, kurz vor Hitlers Machtergreifung, war der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung auf 0,8 Prozent gesunken. Man fragt sich, wie eine so kleine Bevölkerungsgruppe, auch nur indirekt, eine derart massive Feindseligkeit auslösen konnte. Verglichen mit anderen ethnischen Gruppen waren die Juden eine winzige Minderheit. Selten jedoch hat es eine Minderheit gegeben, die im wirtschaftlichen und kulturellen Leben so sichtbar war und – im Guten wie im Schlechten – in der öffentlichen Wahrnehmung so übertrieben groß erschien und überschätzt wurde. In relativ kurzer Zeit brachte diese kleine Gemeinschaft eine enorme Zahl von Unternehmern, Künstlern, Schriftstellern, Publizisten, Gelehrten und demokratischen Politikern hervor. Der unübersehbare Erfolg von Juden löste heftigen Neid, Ressentiments und eine krankhafte, fast pornographische Neugier aus. Im Zerrspiegel der allgemeinen Vorstellung wurden Juden übertrieben mächtig wahrgenommen, als eine Gefahr für die Nation und ihre Identität, für Kultur, »Volkshygiene« und das Allgemeinwohl.
Die kurzzeitige Emanzipation der Juden während der Napoleonischen Kriege setzte beispiellose wirtschaftliche, berufliche und kulturelle Energien frei. Es schien, als wäre plötzlich ein Damm gebrochen. In der jüdischen Geschichte war, wenn auch in geringerem Umfang, schon einmal ähnliches passiert – im islamischen Spanien. Kurz vor Beginn der Inquisition erklärte ein spanischer Jude, daß die Könige von Kastilien gegenüber ihren Feinden insofern im Vorteil seien, als ihre jüdischen Untertanen zu den gebildetsten, vornehmsten, tugendhaftesten und wohlhabendsten gehörten.7 In der Weimarer Republik, auf dem Höhepunkt von Integration und Assimilation, hätten deutsche Juden ähnliches sagen können.
Selten hat es ein Zusammentreffen zweier kultureller (ethnischer oder religiöser) Traditionen gegeben, das auf seinem Höhepunkt so schöpferisch war. Wäre das Ende nicht so schrecklich gewesen, schreibt Frederic Grunfeld, würde man die Jahrzehnte vor der Machtergreifung der Nazis als ein Goldenes Zeitalter betrachten, das allenfalls von der italienischen Renaissance übertroffen wurde.8

[ ... ]
Ihre eigentliche Heimat war, wie wir heute wissen, nicht »Deutschland«, sondern die deutsche Kultur und Sprache. Ihre eigentliche Religion war das bürgerliche Bildungsideal. Nicht weil sie sich für besser hielten, sondern aus rein pragmatischen Gründen richteten sie ihre kulturellen und politischen Bestrebungen – und ihre unbekümmerte Großmütigkeit – auf den verzweifelten und letztlich vergeblichen Versuch, den deutschen Patriotismus zu zivilisieren, auf einen durch Gesetze definierten und nicht aufs Blut gegründeten Staat, auf eine Trennung von Kirche und Staat, auf die Errichtung einer Gesellschaft, die man heute als offen, verfassungspatriotisch und multikulturell bezeichnen würde. Es ist eine tragische Ironie, daß jüdische Intellektuelle ausgerechnet während des Ersten Weltkriegs – ohne den die Nationalsozialisten vermutlich nicht an die Macht gekommen wären – zum einzigen Mal von ihren Bemühungen abließen und in den europaweiten Hurrapatriotismus einstimmten.
Reportagen aus vier Jahrzehnten:
Nachrichten aus Jerusalem
Eine verzweifelte Flaschenpost aus Israel:
No Exit
"Macht keine Dummheiten, während ich tot bin":
Was ist falsch gelaufen?
hagalil.com 23-04-03










 
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