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Yoram Kaniuk:
Der letzte Berliner
List Verlag 2002
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Mehr zu Juden und jüdischem Leben in Berlin
Yoram Kaniuk:
Der letzte Berliner
Rezension von Daniel Jütte
Er ist der größte Partylöwe Berlins. Er trägt am liebsten weiße Anzüge, hat blond gefärbtes Haar. Er schläft jeden Tag mit einer seiner Tänzerinnen, ihm gehören Berlins bekannteste Nachtclubs. Den Mann gibt es tatsächlich, er heißt Rolf Eden, sein (Nacht-)Leben: Stoff genug für eine bissige Realsatire über Berlin und dessen krampfhaft-glamouröse Halbwelt. Das Fernsehen filmt ihn mit barbusigen Blondinen, Journalisten fragen den über Siebzigjährigen gerne nach seiner Potenz.... Übrigens, er ist Jude, stammt sogar aus Israel. Darüber hat ihn aber noch kein Journalist gefragt. So etwas gehört sich nicht in Deutschland, über so etwas schreibt man auch nicht, höchstens für irgend eine deutsch-nationale Postille.
Oder aber, man heißt Yoram Kaniuk. Und was dabei rauskommt, wenn einer der bedeutendsten israelischen Schriftsteller der Gegenwart mit bitterbösem Vergnügen das Geschirr im Porzellanladen der deutsch-jüdischen Verklemmtheit zerschlägt, das kann man in seinem jüngsten Buch "Der letzte Berliner" lesen: Eine Sektion ohne Narkose an einem Patienten, dessen Wiederbelebung man in Deutschland so oft beschworen hat, der deutsch-jüdischen Normalität. Der Literat mit dem Skalpell schafft zu allererst Klarheit in der Terminologie: eine deutsch-jüdische Normalität gibt es für Kaniuk nicht, vielmehr eine bizarre Haßliebe zwischen Deutschen und Juden. Diese durchaus nicht ganz neue Erkenntnis verdankt der Leser letztendlich sogar dem Bundespräsidenten. Denn ohne dessen ausdrückliche - und zunächst dreimal erfolglose - Einladung, hätte der israelische Schriftsteller wohl nie einen Fuß auf deutschen Boden gesetzt, zum ersten Mal Anfang der achtziger Jahre. Bis dahin kannte Kaniuk eigentlich nur zwei Seiten von Deutschland: zum einen den Eichmann-Prozeß und zum anderen die schwelgenden Erzählungen seines Vaters, der in den dreißiger Jahren von Berlin nach Palästina ausgewandert war und seitdem immer wieder vom Rhein und seiner malerischen Landschaft schwärmte.
Fast 50 Jahre später sitzt sein Sohn also auf Einladung des deutschen Staatsoberhauptes in einem Erste-Klasse-Abteil der Deutschen Bahn und fährt -in Gedanken versunken- durch das Rheintal. Plötzlich platzt ein junges, temperamentvolles Paar in das Abteil, sieht sich um und läßt sich dann unter lautstarken Freudebekundungen in die Sitze fallen -sie haben nämlich gar keinen Erste-Klasse-Fahrschein. Das Abteil ist ansonsten leer, ihnen gegenüber sitzt lediglich Kaniuk, ein Mann mit Brille, leicht ergrautem Haar und einer Pfeife. Beide mustern den älteren Herrn aufmerksam und kommen dann auf hebräisch zum gleichen Ergebnis: "Garantiert ein Nazi. Ein Monster". Das "Monster" lauscht schweigend bis zum Zielbahnhof der ausführlichen Musterung seiner Person, dann stellt es sich höflich auf hebräisch vor und läßt zwei junge Israelis mit versteinerter Miene zurück.
Kaniuk jongliert meisterhaft mit Anekdoten wie dieser, lakonisch und schonungslos schildert er Erlebnisse aus seinen mittlerweile zwei dutzend Deutschlandreisen: Begegnungen mit schuldgeplagten Kindern von NS-Größen, aber auch mit Alt-Nazis, die Konfrontration mit Judenhassern und mit aufdringlichen Philosemiten bei seinen Lesungen, seine Gespräche mit jenem israelischen Polizeichef, der Eichmann monatelang verhörte, sich später in die Schweiz absetzte und dort fortan an der Mythologisierung und historischen Entlastung Eichmanns arbeitete.
Kaniuks authentische Schilderungen werden immer wieder durch Reflexionen und Prosa-Miniaturen aufgelockert, so die fiktive Geschichte des Gustav Vierundzwanzig, eines nach Palästina geflohenen Berliners, der seinen Enkel Uri in Israel den Berliner Stadtplan vom 28. November 1939 -dem Tag seiner Flucht- auswendig lernen läßt. Uri, ein ganz normaler israelischer Junge, weiß bald, an welcher Straßenecke es einen Bäcker gab, er kennt den Weg vom Kudamm zum Savignyplatz und die Blumen, die an jenem Novembertag noch im Tiergarten blühten. Sein Großvater macht ihn zum "Letzten Berliner", zum letzten Zeugen einer untergegangenen Welt.
Auf solche leisen Geschichten läßt Kaniuk immer wieder den literarischen Holzhammer folgen, für eine Verklärung und Romantisierung der deutsch-jüdischen Vergangenheit ist bei ihm kein Platz. Kaniuk liebt die Provokation, das Brechen von Tabus auf beiden Seiten. Die israelischen Leser können das nur schwer verstehen: in Israel ist das Buch immer noch nicht verlegt worden. In Deutschland hingegen scheint für Kaniuk das Interesse an der "Vergangenheitsbewältigung", jener selbstzerfleischend-lustvollen Geschichtsbesessenheit, bis heute ungebrochen: wohl wahr, wie die Fälle Möllemann und Walser gezeigt haben. Und ob die Deutschen heute wirklich noch antisemitisch sind? Kaniuk hat da einen eigenwillige Standpunkt: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen".
Diese Rezension erhielt 2002 den ersten Preis beim Schüler-Rezensionswettbewerb "Preis junge Kritiker".
hagalil.com 27-01-04










 
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