ARNO TAUSCH
Was rezente arabische Umfragen über den Terror verraten
Betrübliche Daten – und ein Auftrag, die Deutungshoheit darüber nicht den Islamisten zu überlassen
KOMMENTAR DER ANDEREN
Arno Tausch
22. März 2017, 16:35
Die aktuellen Probleme in der arabischen Welt und die der Massenmigration in die westlichen Demokratien erfordern solide Entscheidungsgrundlagen für die Politik. Dabei kommt die Analyse der Realitäten vor Ort zu kurz. Der Satz des kanadischen Premiers Trudeau ("Diversität ist unsere Stärke") bringt das globale Credo der Migrations-Optimisten auf den Punkt; die Mexiko-Mauer und der Einreisestopp Donald Trumps das der Pessimisten. In diesem Glaubenskrieg werden kaum Fakten gehört. Aber: Was wissen wir wirklich über den Terror und seine Sympathisanten?
Darüber sprechen weder Trudeau noch Trump – und ihre jeweiligen Bewunderer in Österreich.
Es ist jedenfalls schade, dass das Potenzial bereits existierender verlässlicher Umfragen in der muslimischen Welt nicht genügend wahrgenommen wird. Mindestens zwei davon sind völlig frei im Internet erhältlich und laden zu weiteren statistischen Berechnungen ein. Ein wahres Eldorado für Sozialwissenschafter auch der jüngeren Generation! Die Quellen sind:
· Der Arab Opinion Index des Arab Center for Research and Policy Studies in Doha, Qatar (18.311 Befragte in zwölf arabischen Staaten; plus repräsentative Umfrage unter 5466 syrischen Flüchtlingen in 377 Flüchtlingslagern in Jordanien, Libanon, Türkei und in Nordsyrien.)
· Die Arab-Barometer-Umfrage, Welle III. Die Feldforschung fand von 2012 bis 2014 in zwölf Ländern statt; ihre Koordination erfolgte durch das jordanische Center for Strategic Studies (CSS).
· Schließlich ist noch der Pew Spring 2015 Survey des Pew-Instituts in Washington zu erwähnen (gemeinsam mit lokalen Partnern 45.435 Interviews in 40 Staaten der Welt; Erhebungszeitraum 25. März bis 27. Mai 2015).
Wer stellt sich also angesichts des Terrors der vergangenen Jahre hinter den "Islamischen Staat" (IS)? Eine verschwindende Minderheit? Oder bedeutende Segmente muslimischer Gesellschaften? Oder gar, wie Pessimisten befürchten, die Mehrheit? Aus den Umfragen ist zu erkennen, dass es von einem (Libanon) bis zu 20 Prozent (Mauretanien) der Befragten sind. Die Abweichungen sind auch in großen muslimischen Ländern beträchtlich: Saudi-Arabien zwei Prozent, Indonesien vier Prozent, Türkei 7,5 Prozent, Algerien und Ägypten jeweils neun Prozent, Pakistan elf Prozent, Nigeria 14 Prozent. Die IS-Unterstützung in der gesamten muslimischen Welt (bevölkerungsgewichteter Prozentsatz) beträgt immerhin 8,3 Prozent.
Das Arab Center for Research and Policy Studies kam weiter zu dem Schluss, dass insgesamt 18 Prozent der syrischen Flüchtlinge in der Region mit dem IS sympathisieren, und insgesamt 30 Prozent von ihnen einen islamischen Gottesstaat wollen.
Bei der vom CSS in Jordanien koordinierten Arab-Barometer-Umfrage wurde auch gefragt, ob die Einmischung der USA in der Region bewaffnete Operationen gegen die USA in jedem Teil der Welt rechtfertigten. Das sind genau jene Daten, die Gegner und Befürworter des Trump-Einreisestopps eigentlich kennen müssten, wenn sie vernünftig über diesen diskutieren wollen. Tatsache ist: Es ergab sich summa summarum – bevölkerungsgewichtet – eine 52-Prozent-Mehrheit für den Terror gegen Amerika. In Algerien befürworten 77 Prozent der Bevölkerung den Terror gegen die USA, in den besetzten Gebieten 61, in Kuwait, Marokko, Sudan und im Irak mehr als die Hälfte, in Jordanien 50 und im Libanon, Ägypten, Tunesien, Libyen und Jemen jeweils unter 50 Prozent.
Pro Terrorismus
Welche Schlüsse können und sollen wir aus dieser Analyse ziehen? Die bittere Antwort ist, dass der Terror und viele andere Fragen die Gesellschaften in der muslimischen Welt zutiefst spalten. Auch die besten AMS- und Integrationskurse können gesellschaftliche Prägungen, insbesondere im Bereich Gender und Familie, nicht von heute auf morgen ändern. Werte-Welten trennen das konservative Afghanistan und Ägypten vom liberalen Kasachstan und Albanien. Einreisestopps, Flüchtlingsobergrenzen etc. bestrafen die Terrorsympathisanten, aber auch diejenigen, die einen liberalen, toleranten und gewaltlosen Islam leben wollen. Einfache Konsequenzen gibt es nicht.
Offene Gesellschaft
Umso wichtiger sind: die Unterstützung hochqualitativer Sozialwissenschaften in der Region sowie der verstärkte Informationsaustausch der staatlichen Stellen mit den Regierungen und Sicherheitsagenturen, die Partner des Westens sind, aber auch mit den säkularen zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Region. Die Kräfte der offenen Gesellschaft in der Region sollten bei uns künftig verstärkt zu Wort kommen, damit die "Luftraumhoheit" der Deutung dessen, was "Islam" ist, bei uns nicht den Islamisten überlassen wird. (Arno Tausch, 22.3.2017)
Arno Tausch (Jahrgang 1951) ist Universitätsdozent für Politikwissenschaft an der Universität Innsbruck sowie Gastprofessor der Wirtschaftswissenschaften an der Corvinus-Universität in Budapest.
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KOMMENTAR
10 Postings
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1 bis 10
Mojito_67
14
27. März 2017, 12:26:18
wenn 30 % geflüchtet sind und einen islamischen Gottesstaat wollen. Warum sind Sie dann geflüchetet und warum ist keiner von diesen Flüchtlingen in Saudi-Arabien ?
Corylus avellana
6
5. Mai 2017, 09:19:53
0
1
Weil man in Saudi Arabien nichts islamisieren kann und weil man keine Rundumversorgung vom Staat bekommt.
Fagus sylvatica
1
26. März 2017, 21:47:20
0
2
Spaßig, dass bei einem so wichtigen Thema so wenige Kommentare sind?
greenling
58
25. März 2017, 09:00:39
1
2
Das ist ja auch nicht überraschend oder?
Der Westen hat auf die meisten dieser Länder, vorsichtig ausgedrückt, negativ eingewirkt.
Dazu kommen dortige Hetzer, die alles noch schwarz-weißer darstellen, als es eh schon ist und voilà, die Bevölkerung denkt so.
Muss man natürlich Land für Land genau anschauen, warum die Leute wirklich so denken, in Ex-Kolonien oder Ländern, in denen der Westen noch immer direkt in die Politik mit Waffengewalt eingreift, ist sicher ein riesiger West-Hass vorhanden, der sich hauptsächlich gegen die USA (America first) und dann gegen Europa (Europe second) richtet.
Es ist wohl eine Mentalität im Sinne von: "Uns geht es schlecht, jetzt können die da oben wenigstens auch nicht mehr ganz unbeschwert im Luxus leben."
legal eagle
22
24. März 2017, 14:50:25
0
1
Misstraue allen, die einfache Lösungen anbieten.
Zukunftsoptimist1
15
24. März 2017, 14:44:16
0
1
Es ist ja bezeichnend,
wie schmähstad all die selbsternannten ExpertInnen des Migrationsproblems angesichts der Faktenlage sind.
Ich denke, die Fakten reichen aus, damit sich jede(r) sein eigenes Bild von der Lage machen kann - und muss.
Das Eine sind Wahlkämpfe, das andere Existenzkämpfe. Es geht nicht um Ängste schüren, sondern um das Augen Schließen gegenüber den Tatsachen.
Zukunftsoptimist1
15
24. März 2017, 14:39:42
Wenn man diese Studie liest, kommt einem das Gruseln.
Mit ein wenig Rechnen kommt man zu dem Schluss, dass auf 1000 Zuwanderer über 500 Terrorsympathisanten kommen. Wenn nur 1% davon = 5 zur Tat schreiten und pro Tat 5 Menschen daran glauben müssen, macht das bei 500.000 unkontrollierten Zuwanderern 15.000 Tote aus. Grund genug, sich ernsthaft den Kopf zu zerbrechen, wie man PKW-Attentate wirksam verhindern kann. Das innovative Umdenken im motorisierten Individualverkehr wird damit von einem nützlichen zu einem notwendigen Postulat. Die Problemlösung gibt es, der Druck, sie umzusetzen wächst. Vielleicht wacht unsere Politik auf, bevor es zu spät ist.
TomTom34
43
23. März 2017, 14:35:09
Also in etwa 100 Mio Muslime unterstützen das was der IS macht.
Peter Petersil
6
24. März 2017, 10:09:44
Noch schlimmer:
Mehr als 500 Millionen unterstützen den "Terror gegen die USA"

Danke, Dubbya !!
christoph landerer
162
23. März 2017, 13:04:39
0
5
Danke, Herr Tausch! Die zum Teil durchaus beunruhigenden Ergebnisse sozialempirischer Forschung gibt es schon länger, man wollte davon (vor allem im Herbst 2015) aber nichts wissen.
Den Daten des Pew Resarch Center war schon 2013 zu entnehmen, dass wir uns auf Integrationsprobleme v.a. mit afghanischen Asylwerbern einstellen müssen. Die Unterstützung für die Scharia erreicht in Afghanistan mit 99% den weltweit höchsten Wert, die Unterstützung von Selbstmordanschlägen zur "Verteidigung des Islam" beträgt 39% (2. höchster Wert weltweit nach den Palästinensergebieten), die Zustimmung zu Steinigung bei Ehebruch 85% (2. höchster Wert nach Pakistan). Das sind eingefleischte Haltungen, und es ist naiv zu glauben, dieses Problem werde sich durch "Wertekurse" schon irgendwie erledigen. Viele werden sich verwestlichen, andere werden Probleme bereiten. Die Kluft zwischen Afghanistan und der westlichen Welt ist gewaltig gewachsen.
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