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בס"ד
Die Geschichte der feindlichen Übernahme von Thilo Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme“
28. Juli 2021 – 19 Av 5781
Vom Täter, einem Dresdner Ex-Polizisten namens Stahlrecht, selbst erzählt…
In letzter Zeit erreichen mich aus dem HAGALIL-Leserkreis immer wieder (in meinen Träumen) besorgte Nachfragen, wie ich es bloß schaffte, derart viel zu schreiben und, was ja wohl dazu gehöre: zuvor gründlich zu lesen! Ob ich womöglich workaholic sei und wenn ja: Warum? Schwere Kindheit, fehlende Vaterbindung – oder wie oder was? Bei Fragen wie diesen winde ich mich in der Regel wie ein Zitteraal und erzähle zwecks Ablenkung etwas von Richard David Precht. Der neulich im Spiegel (Nr. 25/2021) „über den verwirrten Kompass der Neuen Rechten“ fabulierte – zur Begeisterung seiner Leser*innen. Andreas Feige-Munzig aus München urteilte: „Es ist immer ein Genuss, wie Herr Precht komplexe Sachverhalte mit wenigen klaren Worten auf den Punkt bringt.“ Und Hermann Rave aus Filderstadt schrieb: „Sehr kluge Analysen und interessante Analogien.“ Und Hermann Dannenfeldt aus Falkensee (okay, damit wird’s jetzt etwas redundant, aber wir reden ja schließlich vom Spiegel) traf den so glänzend vorbereiteten Nagel auf den Kopf: „Herr Precht hat den Nagel auf den Kopf getroffen.“ (alle in: Der Spiegel Nr. 27/3.7.2021, S. 128 f.) Spätestens an dieser Stelle musste ich ein wenig Wasser in den Wein kippen und schrieb Herrn Dannenfeldt (in meinen Träumen): „Was meinen Sie denn, werter Herr Dannenfeldt, was Herr Precht von jenem ‚Kopf‘ weiß, deutlicher: Welche Bücher er gelesen hat, und wenn ja: Wie viele!“ Und gab als Antwort gleich hinzu: „Eben, Sie sagen es: Keines! Wie auch, wo er doch so viel schreiben muss und folglich nicht zum Lesen kommt!“ Okay, die Folgen sind dann unvermeidlich: Die Neuen Rechten verfügten über einen „verwirrten Kompass“ – das kann nur einer schreiben, der noch nicht einmal um Gaulands „Vogelschiss“ weiß und um Höckes „erinnerungspolitische Wende um 180°“, also darum, dass diese beiden Äußerungen zusammen eine ganz klare Richtung anweisen: Zurück!, via so etwas wie Hitler light, also minus Auschwitz, minus Euthanasie, aber mit Autobahnen, immer breiteren und schnelleren, nach Moskau führenden. Das steht so zwar nicht wortwörtlich, wohl aber der Essenz nach in den zahllosen Büchern und Texten derer von Sarrazin, Ulfkotte, Klonovsky, Weißmann, Schubert, Hinz, Lehnert, Wegner, Kubitschek, Kositza, Lichtmesz, Sellner, Kaiser, Sommerfeld, Kinzel, von Waldstein, Scheil, Lisson, Schüßlburner, Kaltenbrunner, Müller, Mann, Kleine-Hartlage, Raspail, Camus, Donovan, Pfad oder Höcke (um nur eine kleine Auswahl zu nennen). „Um Gottes willen, das soll man alles lesen?“ „Natürlich nicht, werter Herrn Dannenfeldt, wie der Fall Precht zeigt, neben dem anderen: Mitunter geht’s gut – im Fall Precht halt nicht!“
Eine Äußerung, die ich, kaum geschrieben, schon bereute. Denn natürlich darf ich wohl Ihr Verständnis voraussetzen, dass wir von HAGALIL, nicht in Spiegel-Honoraren badend und angetrieben von einer zwar sehr hübschen, aber eben auch sehr ehrgeizigen Herausgeberin, schlicht nicht das viele Geld haben, um unser Zuhause vollzustellen mit lauter neu-rechter Literatur. Im Übrigen: Was soll ich unseren Gästen sagen, wenn Ihnen fünf bis sechs Sarrazin-Titel entgegenleuchten neben gefühlt zehn Klonovskys? Womit das Precht-Problem wie ein Elefant mitten in Raum steht und um Erledigung bittet: Wie, lieber Herr Niemeyer, halten Sie’s eigentlich mit dem Schreiben über nie Gelesenes? Und wieso geht es bei Ihnen gut, bei Herrn Precht mit seinem doppelt verwirrten Kompass aber nicht? Nun, mein Vorschlag wäre: Folgen Sie mir einfach in meine Küche, da zeige ich Ihnen heute und in einer zweiten Folge, wie man erfolgreich über Sachen schreibt, die man gar nicht kennt, weil die Knete fehlte, sie sich anzuschaffen. Ein, wenn Sie so wollen, Geheimbericht vom Typ „fröhliche Wissenschaft“ (Nietzsche) also, stammend     
Von Christian Niemeyer
Manche Bücher schreien geradezu nach einer feindlichen Übernahme, zum Beispiel dieses hier: Feindliche Übernahme (2018) von Thilo Sarrazin. Warum? Nun, da muss ich etwas weiter ausholen, Ihnen eine Geschichte erzählen, die uns ins Jahr des Erscheinens dieses Buches zurückführt. Damals las ein Typ namens Stahlrecht – 30 Jahre alt, der Dresdener demi-monde angehörend, ein Typ „hart wie Kruppstahl“, wie ein Typ wie Heino mit Hitler wohl gesagt hätte – im Nachrichtenmagazin Der Spiegel (Nr. 36/2018) aus der Feder von Sebastian Hammelehle, Thilo Sarrazin habe sein neues Buch als „an vielen Stellen schwer verständlich“ kritisiert, auch ohne „erkennbaren roten Faden“ und zudem mit „ungeheuer vielen Wiederholungen“. Stahlrecht (einfacher geredet: Ich) staunte nicht schlecht ob dieser Selbstkritik – rieb mir dann aber meine alkoholbedingt (vom Vorabend her, ersparen sie mir bitte weitere Details) ermüdeten Augen und erkannte, dass Sarrazin mit diesen Vokabeln nicht sein Buch gemeint hatte, sondern den Koran. Meine Fehllektüre Hammelehles war also offenbar eine vom Typ „feindliche Übernahme“ gewesen – was mich auf eine Idee brachte bzw. an ein Ereignis einige Tage zuvor erinnert.
Gegen Mitternacht rief mich mein Saufkumpel von gestern Abend, also gut: mein Dresdner Freund Kevin soundso an von der Polente und gab kund, er habe einen Haftbefehl aus Chemnitz für mich – es durchzuckte mich jäh: „also doch!“ – sowie ein Vorabexemplar des neuen Buches von Thilo Sarrazin ergattert, er müsse unbedingt mit mir darüber reden. Auch über meine Skepsis wg. der an sich doch glasklaren Erklärung des BfV-Präsidenten Hans-Georg Maaßen, es habe keinen Mob gegeben, nur eine gezielte Falschinformation. Ich, zugegebenermaßen nicht mehr ganz nüchtern, verstand kein Wort: Welcher Mob? Welcher Mord? Und überhaupt: Eigentlich wollte ich gerade ins Bett zu Fatima, konnte aber, da büchergeil, durstig und eigentlich ein Fan von „Haftbefehl“, nicht widerstehen – und stand Kevin soundso eine halbe Stunde später in einer ziemlich schrägen Kneipe in der Dresdener Neustadt gegenüber. Wir eröffneten die erste Runde mit einem Scotch, waren gerade, mit Westernhagen aus den Boxen, zu Johnny Walker übergegangen, als mich Kevin soundso kalt erwischte mit seiner leicht lallend vorgetragenen Frage:
 „Fatima ist doch Türkin, oder?“
„Ja, warum fragst Du?“
„Nun ja, Stahlrecht, vielleicht ist Deine neue Freundin ja dann auch eine von denen, die keine „produktive Funktion haben, außer für den Obst- und Gemüsehandel.“ Und die, deswegen, Deutschland erobern würden „genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.“
Ich, entgeistert: „Wer redet so?“
„Nun ja, Stahlrecht, ich denke, Du kennst ihn auch. Dieser ziemlich hässliche Typ mit diesem komischen Blick und diesem sonderbaren Bart…“
„Du meinst: Hitler?“
„Red‘ keinen Unsinn! Ich rede von einem heute noch lebenden SPD-Mitglied…“
„… der Fatima kennt? Dann richte ihm aus, er unterläge einem Irrtum: Fatima sei approbierte Zahnärztin mit eigener Praxis und will, vielleicht deswegen, keine Kinder…“
„Hey, Stahlrecht! Ich rede nicht von Fatima oder von einem, der sie kennt. Ich rede von Thilo Sarrazin!“
„Das glaube ich jetzt nicht…“
„Doch, der Spruch stammt von…“
„Das meine ich doch gar nicht!“
„Was denn?“
„Dass einer, der so redet wie Hitler, in der SPD ist!“
„Wie Hitler!? Jetzt übertreibst Du schon wieder!“
„Meinst Du, Kevin soundso? Dann kannst Du mir sicherlich noch erklären, wie Hitler den ‚Polenfeldzug‘ begründete, mit dem der II. Weltkrieg begann!“
„Oh, das weiß inzwischen jedes Kind: Mit dem Versailler ‚Schandfrieden‘…“
„Der Erwachsene weiß es inzwischen etwas genauer: Der ‚Polenfeldzug‘ wurde in internen, bevölkerungspolitisch aufgeklärten Kreise zur absoluten Notwendigkeit erklärt angesichts der höheren Geburtenrate der Polen, die für die 1950er Jahre ein nicht mehr einholbares Geburtenübergewicht des slawischen Untermenschen erwarten lasse!“
„Wenn Du Recht hättest, Stahlrecht, würde daraus folgen…“
„… richtig: Dass Sarrazin sich einer durch Hitler infizierten Argumentationslinie bedient! Die in von Neu-Rechten wie Götz Kubitschek verlagsmäßig protegierten Theorem vom ‚großen Austausch‘ des Renaud Camus weiterlebt.“
„Das meine ich doch gar nicht. Ich meine, dass mir jetzt erst, nach Deinem Hinweis auf die Nazi-Hochrechnung in Sachen Polen, wieder einfällt, dass Sarrazin in seinem neuen Buch an sein Gespräch mit einem türkischen Staatsbeamten im Jahre 2016 in der Türkei erinnert, der ihm voller Stolz berichtet habe, dass die Türkei „im Jahre soundso […] Deutschland an Bevölkerungsgröße überholt haben [werde].“
,,Was willst Du mir jetzt damit sagen, Kevin soundso? Dass Sarrazin deswegen ein ganz anderes Kaliber als Hitler sei, weil er, anders als dieser im Fall Polen, nicht einen präventiven ‚Türkenfeldzug‘ erwäge, sondern sich damit begnüge, die Türken aus Berlin rauszuschmeißen?“
Jetzt war es an Kevin soundso, konsterniert zu sein: Welcher diabolischen Logik sein bester und ältester Freund manchmal fähig sein konnte! Er, Kevin soundso, hatte doch nur darauf aufmerksam machen wollen, dass auch türkischen Politiker wie Erdogan nicht frei waren vom Stolz auf ihr Land und dessen Geburtenrate – und genau darum wussten, dass es darauf ankam, dass also die Türkei sich nicht abschafft. Und nun drehte ich ihm aus dieser Erwägung einen Knoten! Fast hilflos, weil ihm nichts Besseres einfiel, brachte Kevin soundso es nur zur Rückfrage:
„Wo, bitte schön, sagt Sarrazin in seinem neuen Buch, dass er die Türken aus Berlin rausschmeißen will?“
Gute Frage, zumal ich das Buch Feindliche Übernahme ja gar nicht gelesen hatte.
Im gleichen Moment fiel Kevin soundso zum Glück ein, dass Sarrazin tatsächlich, und zwar mehrfach, in seinem neuen Buch die Vokabel Bevölkerungsaustausch verwendet und davon gesprochen hatte, es gelte deutlich zu machen, dass man, was Berlin angeht, in Zukunft eine „Stadt der Eliten“ wolle und nicht, wie bisher, eine ‚Hauptstadt der Transferleistungen‘. Gerade wollte er mir in dieser Frage ein wenig entgegenkommen – dann aber fiel ihm eine noch nicht eingetriebene Rechnung ein:
„Und noch etwas, mein Lieber: Sarrazin tadelt in seinem neuen Buch ausdrücklich „die Vernichtung und Vertreibung der Juden aus dem deutschsprachigen Raum.“
„Das ist Sarrazins Wort zu Auschwitz?“
Kevin soundso guckte mich nur an wie einen Hypersensiblen. Also musste ich nachlegen:
„Du meinst, mein lieber Kevin soundso, es sei völlig okay, dass Sarrazin Hitlers weitgehend erfolgreichen, industriell betriebenen Versuch der Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa zu einem auf den deutschsprachigen Raum beschränkten Ereignis verkleinert?“
 „Stahlrecht, jetzt argumentierst Du, glaube ich, etwas haarspalterisch, obgleich, wenn ich’s genau bedenke…“
„Ja, Kevin soundso, ich höre!“
„Nun ja, es fällt durchaus auf, dass Sarrazin vor allem der „immense jüdische Aderlass“ auf Intellektuellen- resp. Freiberuflerebene ab 1933 in Berlin zu schaffen macht. Und dass er gegen Ende seines neuen Buches anmerkt, es würde ihm „gefallen“, wenn in Zukunft anstelle der Türken „osteuropäische Juden […] mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung“ Deutschland eroberten. Denn dies klingt ja fast so, als erhoffe er sich eine Kompensation für jenen von Hitler verschuldeten ‚jüdische Aderlasse‘, ohne zu merken, dass diese ganze Denke…“
„… komplett abstrus ist! Nicht wahr, Kevin soundso, das wollest Du sagen!? Und ich ergänze noch: sie ist menschenverachtend durch die einseitige Konzentration auf den IQ des Einzelnen, der, kaum verhüllt, als Merkmal seiner ‚Rasse‘ – hie Türke, dort Jude – ausgelegt wird. Und dieser Konzentration wegen steht Sarrazin am Rubikon in Richtung rassenhygienischer Optionen unter Einschluss der Euthanasie und könnte allenfalls gerechtfertigt werden, wenn er diese seine Denkfigur, die er im Übrigen Nietzsche entlehnt zu haben scheint, wie dieser mit dem Gattungsmerkmal „heitere Deutschthümelei“ versehen hätte! Apropos: Wie steht Sarrazin eigentlich zu Nietzsche?“
„Puh, Stahlrecht, dazu kommt im neuen Buch nichts! Übrigens: Kannst Du mir das mit Nietzsche gerade noch erklären, so schnell konnte ich Dir nämlich leider nicht folgen.“
„Später gerne, eventuell auch andernorts. Vorerst nämlich interessiert mich, ob Sarrazin in seinem neuen Buch sonst noch irgendwo zu Hitler oder den Nazis Stellung genommen hat?“
„Nein, Stahlrecht, da muss ich Dich enttäuschen, auch Goebbels kommt bei ihm nicht vor. Vielmehr lobt er, für einen Sozialdemokraten ja durchaus verständlich, Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt!“
„Wofür?“
„Für sein Redetalent!“
„Von dem er, Sarrazin, auch eine Portion abbekommen habe?!“
„Ja, so ungefähr! Du weißt ja vielleicht, Stahlrecht: ‚Schmidt Schnauze‘. Und Du musst doch vielleicht einräumen – auch Du warst schon mal in Kreuzberg oder Neukölln –, dass Sarrazins Spruch, „türkische Wärmestuben“ würden die Stadt nicht voranbringen, durchaus etwas für sich hat, oder? Ebenso wie der, dass man „Nichtleistungsträgern“ doch wohl noch werde sagen dürfen, „dass sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten.“ Und dass es wohl noch erlaubt sein müsse, „von den zwanzig Tonnen Hammelresten der türkischen Grillfeste“ zu berichten, „die die Stadtreinigung jeden Montagmorgen aus dem Tiergarten beseitigt.“
„Das ist ja widerlich!“
„Oh Stahlrecht, ich bin wirklich froh, dass Du das auch so siehst.“
„Das meine ich doch gar nicht! Ich meine, dieses Stammtischgerede von einen Berliner SPD-Mitglied!“
„Aber Stahlrecht: Sarrazin redet von nicht zu bestreitenden Tatsachen!“
„‘Tatsachen giebt es nicht, nur Interpretationen.‘ Sagt Nietzsche.“
„Heißt?“
„Heißt, dass sich Sarrazin nur die für seine Interpretationen passenden ‚Tatsachen‘ herausgreift, nichts dagegen Sprechendes.“
„Diese Interpretation musst Du mir an Tatsachen belegen, mein lieber Freund!“
„Gerne. Dafür brauche ich aber das Buch. Gib‘ es mir mal mit, wir treffen uns dann in ein paar Tagen wieder.“
Bei diesen Worten stand ich abrupt und erkennbar leicht angesäuert auf, legte einen Geldschein auf den Tresen, nahm das Buch von Kevin soundso dankend in Empfang, wollte dem Ausgang zustreben, als mich ein ziemlich adipöser Typ mit Deutschlandhut aufhielt und mir, da vom LKA stammend, erklärte, wörtlich:
„Stahlrecht, eine Türkin als Freundin geht für einen Deutschen gar nicht! Ich hoffe, diese Ansprache hilft Ihnen weiter!“
Ich war derart perplex und zugleich so betrunken, dass ich nichts weiter wollte als weg mit dem erstbesten Taxi.
***
Gegen Mittag wachte ich auf, mit einem schweren Kater. In meinen Armen hielt ich ein Exemplar von Thilos Sarrazins neuem Buch Feindliche Übernahme. Nee, stimmt ja gar nicht: Was da in meinen Armen lag, war der Lettre International von 2009 mit dem Sarrazin-Interview von Frank Berberich! Da stieg ein böser Verdacht in mir auf: Kevin soundso hatte mich gestern Abend unter dem Vorwand in die Dresdner Kneipe gelockt, er besäße ein Vorabexemplar von Sarrazins Neuerscheinung, weil er wusste, wie scharf ich auf Freiexemplare war – und darum ahnte, dass ich sonst absagen würde. Und um zumindest irgendetwas vorweisen zu können, hatte er ein bald zehn Jahre altes Heft des Lettre International hervorgekramt und sich ein wenig präpariert. Dieser Schuft!
Wie auch immer: Ich schlug das Heft auf, und entdeckte, dass Sarrazins brauner Faden, hier schon, die für die AfD später zentrale Vokabel „Bevölkerungsaustausch“ war, derer, was Berlin angeht, drei unterschieden wurden: jenen 1933 durch die Nazis eingeleiteten in Sachen „jüdischer Aderlass“; jenen von Sarrazin den „Achtundsechzigern“ ins Schuldbuch geschriebenen, als Menschen, „die gerne beruflich aktiv waren, […] ersetzt [wurden] durch solche, die gerne lebten“; und jenen durch die Arbeitsmigration nicht wirklich integrationswilliger Türken bewirkten mit dem Effekt „von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht wirklich ökonomisch gebraucht werden“ und „von Hartz IV und Transfereinkommen [leben]“, und dies vor dem Hintergrund überdurchschnittlich hoher Geburtenraten gerade in diesen Klientelgruppen, mit dem Effekt, „dass vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden.“ Der Effekt: Deutschland schafft sich schleichend und in dieser Logik gedacht fortdauernd ab, wie die Rückbesinnung auf die Zahlen von 1939 („Deutschland 79 Millionen Einwohner, die USA 135, Russland 160 und England 50“) zeige, vor allem aber der Umstand, dass, so Sarrazin in jenem Interview weiter, von unseren aktuell „80 Millionen praktisch dreißig Prozent im Rentenalter sind“ und Deutschland damit von der Größe her näher „an den Holländern und Dänen als an den USA“ lägen.
Was dagegen tun, gesetzt, man fände dies besorgniserregend, also Größe erstrebenswert, etwa im Sinne eines Slogans wie Germans first? Nun, nach Sarrazin ist die Sache ganz einfach: Was Not tut, ist ein gleichsam vierter und letzter ‚Bevölkerungsaustausch‘ in Richtung jenes bereits gestern Abend von Kevin soundso in der Kneipe kritisierten Paradigmenwechsels fort von Berlin als „Hauptstadt der Transferleistungen“ hin zu einer „Stadt der Eliten“. Und zu diesem Zweck gibt es laut Sarrazin ein ganz einfaches Mittel, gleichsam einen Zweisatz für Hilfsschüler: „[G]enerell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen mehr für Einwanderer.“
Erschöpft legte ich die Zeitschrift beiseite, weil der Unsinn hiermit nun offen zu Tage getreten war, zumal in Gestalt des systematisch Verschwiegenen. Denn warum verlor Sarrazin 2009 nicht ein einziges Wort über den ‚Bevölkerungsaustauch‘, den der Bau der Berliner Mauer im Gefolge hatte? Als von einem Tag auf den anderen der Zustrom der ostdeutschen Intelligenzia nach West-Berlin abbrach, in dessen Folge sich die DDR sukzessive in das zu verwandeln begann, das vielen ihrer Kritiker ja nun als die plausibelste Form, Dritten diese Abkürzung zu erklären, erschien und sich durch die jüngsten Ereignisse in Chemnitz zu bewahrheiten droht: „Der Doofe Rest“. Vermied Sarrazin, sonst vor keinem schlechten Scherz zurückschreckend, die Erinnerung an diesen Vorgang, weil er den Vorwurf fürchtete, sein Vorschlag stünde ja für nichts anderes als für den Plan zum Bau einer neuen Mauer, diesmal um Berlin resp. Deutschland als Trutzburg gegen den doofen Rest der Welt inklusive der dieser doofen Welt inhärenten Menschen- wie Asylrechte?
Damit, mit dieser einfachen Überlegung – kein Wunder also, dass Sarrazin sie nicht anstellte –, hatte sich in meinen Augen Sarrazins Therapievorschlag erledigt. Den Rest sammelte ich auf dem Umweg eines weiteren gravierenden Versäumnisses unseres Berliner Ex-Lokalpolitikers ein: Sarrazin verschwieg schon 2009 ausgerechnet den schlimmsten und gravierendsten ‚Bevölkerungsaustausch’ auf deutschem Boden: den infolge der Erbgesundheitslehre der Nazis mit der Folgen von mehr als vierhunderttausend Zwangssterilisierten und Euthanasieopfern. Warum dieses Schweigen? Weil es Sarrazin peinlich war, über die schlimmste Pointe seines ‚Grundgedankens‘ auch nur nachzudenken? Weil er ahnte, dass seine eigentlich grundrechtswidrige Verengung des Menschenwertes auf eine allein ökonomische Größe notwendig die Bahn bricht für ein vernichtungsfreudiges Denken, wie es im Verlauf der Geschichte der Deutschen schon einmal verheerende Konjunktur hatte? Wogegen übrigens gerade die von Sarrazin so sehr gescholtene 68er Generation erstmals aufbegehrt hatte, im Gegensatz zur Generation ihrer Väter. Einer Generation also, der der Auftrag hätte obliegen müssen, die nachwachsende Generation über das NS-Geschehen und das eigene Involviertsein in es aufzuklären, anstatt allein des Auslebens ihres (für sich betrachtet durchaus verständlichen) ‚Hoppla-wir-leben-noch‘-Grundgefühls zu huldigen und damit sehr viel eher dem von Sarrazin den 68ern zum Vorwurf gemachten Typ von Menschen zuzurechnen ist, „die gerne lebten.“
Ich überlegte weiter: Noch nicht einmal dies also, diese einfachste Form von 68er-Bashing – das Ausspielen der 68er gegen ihre Eltern, die noch „gerne beruflich aktiv waren“ –, stimmt oder trifft den Punkt. Jenes „gerne“ müsste man beispielsweise erläutern durch Vokabeln wie Vollbeschäftigung und die in ihr sich aussprechenden Zwang auf Gelegenheitsarbeiter resp. den Spott auf Faulpelze und Gammler – dann wird klar, welche dunkle Seite die Vokabel „gerne beruflich aktiv waren“ verbirgt und wohl auch verbergen soll. Erstaunlich, dass man einen Sozialdemokraten darüber belehren muss und wohl noch einmal zu erzählen hat, dass die 68er keineswegs einfach nur so „gerne leben“ wollten, sondern vor allem daran interessiert waren, anders als ihre Eltern ‚richtig‘ zu leben, also so, dass Ausschwitz, mit Adorno gedacht, „sich nicht wiederhole“, nichts Ähnliches geschähe.
Und dies, so scheint mir, ist die eigentliche Pointe, die zumindest doch, für Sarrazin jedenfalls, einen Trost aufweist: „Deutschland schafft Sarrazin ab“, und sei es im Zuge einer „Feindlichen Übernahme“, ist eine womöglich wünschenswerte Parole. Aber sie ist uns, der NS-Verbrechen wegen, für alle Zeit verboten. Uns bleibt nur die sachliche Kritik der allerneuesten Ausführungen unseres geistigen Brandtstifters Nr. 1 – eventuell, wie eingangs angedeutet, unter Nutzung der Steilvorlagen desselben. Dazu gehört auch der von Sebastian Hammelehle angeführte Satz auf S. 495 des aktuellen Sarrazin-Bestsellers:
„Man muss die Einwanderung von Muslimen grundsätzlich unterbinden.“
Denn was, bitte schön, ist dies anderes als eine der „ungeheuer vielen Wiederholungen“ dieses Meisterdenkers?
Zwei Jahre später rief Kevin soundso an und versicherte mir, er habe ein Vorabexemplar von Sarrazins Bestseller Der Staat an seinen Grenzen (2020) ergattert, es weise exakt nach, wie teuer jeder Flüchtling sei und laufe auf die Forderung hinaus:
„Man muss die Einwanderung von Muslimen grundsätzlich unterbinden.“
Insgesamt müsse das Buch sehr gut sein, da sich selbst Oskar Lafontaine für es verwende. So habe er der Buchvorstellung in einem Nobelhotel in München assistiert unter Hinweis darauf, „‘jedes unbegleitete Flüchtlingskind‘ koste monatlich 5000 Euro, was einer Sozialrentnerin guten Gewissens nicht zu vermitteln sei.“ (TS Nr. 24318 v. 1. Oktober 2020: 5)
Entnervt knallte ich den Hörer auf die Gabel (nun ja: so etwas der Art) und rief via Bad:
„Fatima, wie ging noch mal der Witz mit den ‚Zwei Verrückten‘, ich glaube, er ist von Nietzsche?“
Fatima, des Zoroaster wegen eine große Verehrerin Nietzsches, zögerte keine Sekunde:           
„Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren findet, der ihn versteht.“
Und sie kam aus dem Bad mit einem Handtuch um ihre Haarpracht und herzte mich mit einem unbeschreiblich hingehauchten:
„So, wie ja auch ich Dich Verrückten verstehe, mein Schatz!“
„Quelle?“
„Internet, Schatzi!“
Ja, liebe Leserin, lieber Leser, an sich eine prima Stelle, um als Nächstes die Arbeitsweise der „Frau Doktor“ Franziska Giffey (SPD) zu erläutern, nicht wahr? Indes: Nicht mit mir, wir wollen ja schließlich die Ursachen bekämpfen, nicht die Folgen. Wobei „bekämpfen“ bei einem ‚fröhlichen Wissenschaftler‘ eher auf Subversion hinausläuft denn auf Langeweile. Wie in der nächsten Folge zu besichtigen. Wiederum anhand der Vernichtungskritik eines neu-rechten Buches, das zu lesen mir nicht im Traume einfiele….
 
Prof. Dr. Christian Niemeyer, Erziehungswissenschaftler und Psychologe, Jg. 1952, geb. in Hameln, Prof. (i.R.; seit 2017) f. Sozialpädagogik an der TU Dresden (ab 1992), davor FU Berlin (1988-92), geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift für Sozialpädagogik (seit 2002), Nietzscheforscher, zahlreiche Bücher, für August 2021 ist angekündigt: Schwarzbuch Neue / Alte Rechte. Essays, Glossen, Lexikon (= Bildung nach Auschwitz, Bd. 1) mit Online-Material. 796 S., 39,95 Euro, Weinheim Basel.
Bild oben: Thilo Sarrazin, Leipziger Buchmesse 2014, (c) Lesekreis, CC0, Richard David Precht, 2018, (c) Gregor Fischer/ re:publicaCC BY-SA 2.0
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Ein Kommentar zu “Die Geschichte der feindlichen Übernahme von Thilo Sarrazins Buch „Feindliche Übernahme“”

Alexander A. Dellwo
31. Juli 2021 – 22 Av 5781 um 16:39 | Zum Antworten anmelden
Heute Morgen (harte Kindheit
)war mir das zu heavy, jetzt gerade habe ich den Aufriss bei FB gelesen. Sympathisch , sehr sogar und Humor; temporär in England gelebt? Das ist kein deutscher Humor? Schwarzer Humor mit Galgenhumor gepaart, gute Mischung und so noch nicht wahrgenommen und 18 bin ich schon lange nicht mehr. Lesen tue ich es irgendwann heute Nach wenn die Stille gesiegt hat —
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