ANTISEMITISMUS
In Europa unerwünscht
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Ein jüdisches Ehepaar über die Motive, nach Israel auszuwandern.
vom 19.04.2018, 06:43 Uhr | Update: 24.04.2018, 15:12 Uhr
Aaron und Anne de Haas fühlen sich in Europa nicht mehr sicher.
© Müller
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WZ-Korrespondent Tobias Müller
Elten. Es ist besiegelt. Der Abschied steht fest. "Verkocht" steht auf dem Schild vor dem selbstgebauten Haus aus hellem Holz, was auf Niederländisch "verkauft" bedeutet. Die Grenze zu den Niederlanden liegt nur ein paar Kilometer entfernt, und hier in Elten, dem letzten Stückchen Deutschland, wohnen einige Niederländer. Aaron de Haas, 78, ist einer von ihnen. Seine Frau Anne, 58, ist Deutsche. Was unerheblich ist. "Wenn sie mich fragten", sagt Aaron de Haas, "bist du eher Niederländer oder Jude, war mir immer klar: Ich bin Jude."
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Ein Satz, der nachhallt und dessen unheilvolle Tragweite sich dabei immer mehr entfaltet. Warum gehen diese beiden Teile einer Identität nicht zusammen, ein Dreivierteljahrhundert nach dem Holocaust, trotz der Rede von der Renaissance jüdischen Lebens in Europa? Lange haben Anne und Aaron de Haas an diesem scheinbaren Widerspruch gelitten. Und nun die Konsequenzen gezogen: das Haus verkauft, die Kisten gepackt. 176 sind schon voll, um die 300, schätzt Aaron, werden es wohl. Am 1. Juli verlassen sie Deutschland, die Niederlande, Europa. Das Ziel: Safed, im Norden Israels.
Ein Mosaik aus Hass und Ignoranz
Es war keine plötzliche Entscheidung. Als nach dem jüngsten antisemitischen Mord, an der Holocaust-Überlebenden Mireille Knoll im März, ein Aufschrei durch Europa ging, war ihr Entschluss längst gefallen. "Vor drei Jahren sagte ich, lass uns gehen", erinnert sich Aaron. Seine Frau ergänzt: "Irgendwann sagte er zu mir: ‚Ich möchte hier nicht sterben.‘ Das war ein Warnsignal."
Nach dem einen Auslöser sucht man bei den de Haas, die beide als Betriebspsychologen arbeiten, vergeblich. Stattdessen ist da ein Mosaik aus Hass und Ignoranz, viele kleine Elemente, die sie zum Weggehen brachten. Judenfeindliche Vorfälle als Teile einer Grauzone, die das Gros der europäischen Gesellschaften kaum mitbekommt.
Wenn Juden geschlagen oder ermordet werden, herrscht Bestürzung bei Politikern und in den meisten Medien. Doch das geschieht nie aus heiterem Himmel. Es gibt immer Anzeichen. Warnsignale. Wovon dieses Paar ein beklemmendes Lied singen kann. Vor nicht allzu langer Zeit etwa schenkte Anne de Haas ihrem Sohn, der in Deutschland studiert, eine Handy-Schutzhülle mit Israel-Flagge. Worauf ein Bekannter folgerte, seine Mutter müsste ihn wohl sehr hassen, wenn sie ihm ein solches Geschenk mache.
Oder die Sache mit den Eiern. Die wurden vor ein paar Jahren gegen das Büro geworfen, das die beiden im niederländischen Veenendaal unterhalten. Nicht einfach so, vermuten sie, doch wie wollen sie ein antisemitisches Motiv beweisen? Selbst als in Amsterdam im Winter ein Palästinenser die Scheiben eines koscheren Restaurants zertrümmerte, wurde die Tat nur als Vandalismus verfolgt. Statt zur Polizei ging Anne de Haas also zu den Vermietern und bat darum, den Vertrag vorzeitig aufzulösen. Ihre Bitte wurde abgelehnt.
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AntisemitismusAaron de HaasAnne de Haas​Auswanderung​Israel​Niederlande​Deutschland
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6 Kommentare
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Wehrwolf220.04.2018, 23:03 Uhr
"In E. unerwünscht"?? Die Mehrheit in D. ist innerlich entnazifiz. oder war brav! (Beweist mir das Gegenteil !) Ich kenne mit 74 nur einen Anti-Judaisten & der seit Jahrzehnten tot ist.

Ich finde es idiotisch, daß jedem 7-J. (oder Älteren), der eine Swastika an irgendein … mehr
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CCCP19.04.2018, 13:02 Uhr
Ich fürchte nur, das das es angesichts des aufsteigenden religiösen Fundamentalismus in Israel für dieses Ehepaar eine sehr bittere Erfahrung wird.

Wobei ich davon ausgehen das Anne und Aaron de Haas sich nciht dem dortigen religiösen Fundamentalismus verpflichtet fühlt.
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Schalom19.04.2018, 11:23 Uhr
"bist du eher Niederländer oder Jude, war mir immer klar: Ich bin Jude." Mit diesem Satz gibt er sich vor allem als Zionist zu erkennen, der das Judentum als Nationalität begreift, mit der Heimat Israel.
Es ist traurig, dass dieses Ehepaar alle rechtschaffenen Europäer … mehr
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AUTExit19.04.2018, 09:41 Uhr
Aaron und Anne de Haas fühlen sich in Europa nicht mehr sicher.

Die unterdrückten Nachbarn in Israel wehren sich mit Bomben und Granaten und trotzdem fliegen ihnen "Murdferdrohnen" und ferngesteuertes Kriegsgut um die Ohren? Ein tolles Sicherheitsgefühl, welches die EU vermittelt.
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Mag. Manuel Leitgeb19.04.2018, 09:19 Uhr
"Ähnlich wie in Österreich oder Deutschland, wird der aktuelle Antisemitismus auch in den Niederlanden vor allem als muslimisch wahrgenommen. Mit den Erfahrungen der de Haas deckt sich dies jedoch nicht"

Wirklich?! Noch immer relativieren, noch immer nicht die Fakten akzeptieren … mehr
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Mag. Stephan Fischer21.04.2018, 21:35 Uhr
Sehr richtig!
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