SO EINE WIRTSCHAFT
Vorarlberger Modellversagen
231
"I wüs gar ned wissen. Ned so genau."
vom 07.05.2021, 12:00 Uhr
23
Harald Oberhofer
"I wüs gar ned wissen. Ned so genau." Diese Liedzeile von Dr. Kurt Ostbahn mag in anderen Lebenslagen hilfreich sein, zur Pandemiebekämpfung taugen sie nicht. In Österreich stehen in zwölf Tagen weitreichende Öffnungsschritte bevor. Vorarlberg hat mit 15. März deutlich früher viele Beschränkungen gelockert. So wurde etwa die Gastronomie unter Auflagen wieder geöffnet. Die Öffnungsschritte sollten - so die Ankündigungen hochrangiger Politiker - nicht nur den Vorarlbergern zugutekommen. Als Modellregion wollte man zeigen, dass Öffnungsschritte nicht zwangsläufig zu einer Zunahme der Infektionen führen müssen. Dazu wurde eine wissenschaftliche Begleitung der Öffnungsmaßnahmen angekündigt.
Mehr zu diesem Thema
Besser gar kein Job als der falsche
21.05.2021 3 2
Chancen und Tücken einer globalen Mindeststeuer
23.04.2021 1 2
Harald Oberhofer ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. - © Roman Reiter / WU
Knapp acht Wochen später wurden erste Ergebnisse der Begleitforschung präsentiert. Betrug die 7-Tage-Inzidenz am Beginn der Öffnungen weniger als 70, hat sie sich im Laufe der vergangenen zwei Monaten zeitweise vervierfacht. Die Zahl der Patienten auf Intensivstationen stieg von drei auf zehn. Aus diesem Bild ergeben sich zwei Fragen, die für die Abschätzung der möglichen Lockerungsfolgen am 19. Mai relevant sind: Warum sind die Infektionszahlen so deutlich angestiegen, und warum haben diese (noch) zu keiner Überlastung der Intensivstationen geführt? Letztere Frage scheint im Moment noch weitgehend ungeklärt.
So eine Wirtschaft: Die Wirtschaftskolumne der "Wiener Zeitung". Vier Expertinnen und Experten schreiben jeden Freitag über das Abenteuer Wirtschaft.
Die erste Frage wird durch die Cluster-Analysen der Österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit (Ages) wie folgt beantwortet: Die Gastronomieöffnung hat keine wesentliche Rolle gespielt. Die Öffnungsschritte hätten aber vermeintlich zu einem Sinken der "Hemmschwelle" geführt, die die steigenden Fallzahlen erklären würden, heißt es. Anders ausgedrückt: Je größer die Öffnungsschritte ausfallen, desto stärker wird die Inzidenz steigen. Wie man dies verhindert könnte, verraten uns die Ergebnisse aus Vorarlberg nicht. Trotz anderslautender Versprechen.
Wissenschaftliches Faktum ist, dass die Cluster-Analysen gravierende Schwachstellen aufweisen. So können etwa ein Drittel aller Infektionen keinem Übertragungsort zugeordnet werden. Die Ansteckung könnte in der Gastronomie erfolgt sein, muss aber nicht. Wurde das Virus in den Wohnungsverbund getragen, so werden alle Folgeinfektionen dem Übertragungsort "Haushalt" zugeordnet. Die eigenen vier Wände werden somit automatisch zum "Hotspot", während die Gastronomie ein "Safe Space" sein soll. Österreichweit wurden in den vergangenen Wochen rund 70 Prozent aller Infektionen den Haushalten zugeordnet und nur 0,1 Prozent der Hotellerie und Gastronomie. Als Grundlage für evidenzbasierte Politik taugen diese Zahlen jedenfalls nicht.
Nun ist die Covid-19-Pandemie in ihrem Verlauf zugegebenermaßen komplex. Die Ergebnisse aus Vorarlberg können jedoch zu fragwürdigen politischen Schlussfolgerungen führen. Die Forderung des neuen Gesundheitsministers Wolfgang Mückstein nach Anerkennung der deutlich weniger verlässlichen "Wohnzimmertests" als Eintrittstests ist ein Beleg hierfür. Das Fehlen ausreichender und methodisch abgesicherter empirischer Evidenz für ein Problem ist nämlich keine Evidenz für das Fehlen des Problems.
Schlagworte
So eine Wirtschaft​Kolumne​Harald Oberhofer​Wirtschaftsuni Wien
23
Weiterlesen in Gastkommentare
GASTKOMMENTAR
Eine demokratische(re) Welt ist noch ein Wunschtraum
16.06.2021 2 1
GASTKOMMENTAR
Entwarnung: Die EZB ist weiter auf Kurs
15.06.2021 4 2
GASTKOMMENTAR
Ein Lückenschluss beim Thema Nachhaltigkeit
15.06.2021 1
GASTKOMMENTAR
Europa mischt den Anleihemarkt auf
15.06.2021 1
1 Kommentare
Kommentar schreiben
Franz Graf-Stuhlhofer08.05.2021, 10:37 Uhr
Einige Details dazu:
Laut Landeshauptmann Wallner wird in Vbg besonders viel getestet, daher höhere Zahlen.
In Bludenz, also im Süden von Vbg, liegt die 7-Tages-Inzidenz bei 100, also recht gut (in den anderen Regionen von Vbg aber über 200).
Soweit Ansteckungen im Gasthaus … mehr
antworten
4
4

melden
zur Startseite
Entspannungssignale nach Gipfel von Biden und Putin
E-PAPER
für alle Endgeräte
JETZT TESTEN
ABOS
immer bestens informiert
JETZT WÄHLEN
NEWSLETTER
täglich informiert
JETZT ABONNIEREN

Impressum Kontakt AGBDatenschutz Cookie-Policy
Wiener Zeitung Gruppe: Unternehmen​Mediasales Jobs Redaktion​Redaktionsstatut​English Information about WZ Aboangebote
Unterstützen Sie Qualitätsjournalismus mit Ihrer Zustimmung
Bitte stimmen Sie der Verwendung von Analyse- und Marketing-Cookies auf der Webseite der Wiener Zeitung zu. Damit helfen Sie uns, unsere Webseite zu verbessern und wir können Ihnen damit für Sie zugeschnittene Werbung präsentieren. Ihre Zustimmung können Sie jederzeit in den Cookie Einstellungen (diese finden Sie auf der Webseite auf Höhe des Impressums) widerrufen.

Analyse- und Marketing-Cookies sind technisch nicht erforderliche Cookies, die nur aufgrund Ihrer Zustimmung in Ihrem Endgerät gespeichert werden dürfen. Durch die Bestätigung des Buttons „Cookies akzeptieren“ erteilen Sie uns Ihre Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies. Sie können auch die Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies unter „Cookie Einstellungen“ verweigern.

Mit Hilfe von Cookies verarbeitete personenbezogene Daten werden von der Wiener Zeitung und von Werbepartnern (IAB und IAB-Lieferanten) verarbeitet. Im Rahmen der Verarbeitung erfolgt eine Speicherung von Informationen im Endgerät des Webseitenbesuchers und können die Wiener Zeitung und Werbepartner der Wiener Zeitung auf Informationen im Endgerät, z.B. auf eindeutige Kennungen in Cookies, des Webseitenbesuchers zugreifen. Nähere Informationen zu Cookies und zum Widerruf technisch nicht erforderlicher Cookies finden Sie in unserer Cookie Policy.
Ihre Zustimmung bezieht sich auch auf die Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dienstleister in den USA. Nach einer Entscheidung des EuGH gewährleisten die USA kein ausreichendes Datenschutzniveau.
Zu diesen Zwecken verwenden wir Cookies
Genaue Standortdaten verwenden. Geräteeigenschaften zur Identifikation aktiv abfragen. Informationen auf einem Gerät speichern und/oder abrufen. Personalisierte Anzeigen und Inhalte, Anzeigen- und Inhaltsmessung, Erkenntnisse über Zielgruppen und Produktentwicklung.

StartseiteMeinungGastkommentare