GASTKOMMENTAR
Kein guter Pakt
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vom 02.11.2018, 15:59 Uhr | Update: 02.11.2018, 16:18 Uhr
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Arno Tausch
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Skepsis gegenüber dem im Pakt deutlich vorhandenen Konsens, wonach Migration bloß eine Win-win-Situation darstellt, liest sich - sine ira et studio - aber immerhin auch im "Plan A" des früheren Bundeskanzlers Christian Kern, der noch heute auf der Webseite der SPÖ zu finden ist. Sicher eine gute Recherchearbeit der Experten aus ÖGB und AK, die dabei wahrscheinlich zu Rate gezogen wurden.
Migrationsprozesse, keine Annäherung von Wohlstands- und Lohnniveau - diese Argumente gegen ein allzu freies Migrationsregime teilt Kerns "Plan A" mit weiten Strecken der internationalen Migrationsforschung. Warum steht das aber nur im "Plan A" und nicht in der Stellungnahme der SPÖ zum globalen Migrationspakt? Der "Plan A" spricht sogar von einem "Brain Drain" aus den Auswanderungsregionen und davon, dass ganze Regionen - insbesondere in Osteuropa - zunehmend entvölkert werden.
Warum ist dann der Pakt gut, trotz des weltweiten "Brain Drains"? Warum ist dann der Pakt gut trotz des enormen Zuzugs, den der Arbeitsmarkt im Westen niemals absorbieren wird können? Warum ist der Pakt gut, trotz der im "Plan A" diagnostizierten Folgen der Massenmigration wie steigende Arbeitslosigkeit und steigende Belastung für die Sozialbudgets und Druck auf das heimische Lohnniveau? Warum ist der Pakt gut, trotz der im "Plan A" sogar bekundeten Absicht der SPÖ, in der Europäischen Union - gegen jegliches geltende EU-Recht - durchzusetzen, dass in Branchen mit besonders hoher Arbeitslosigkeit das Instrument der Arbeitsmarktprüfung - solange eine angespannte Situation existiert - wieder eingeführt werden kann?
Viele neue Arbeitslose nach der Öffnung des Arbeitsmarktes
Der klare, harte und eindeutige rezente Befund des österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) vom 5. September zum selben Thema ist praktisch gleichlautend, dass die Öffnung des heimischen Arbeitsmarktes in den Jahren 2011 und 2014 die Arbeitsimmigration drastisch beschleunigt hat. Das führte laut Wifo sehr wohl zu Verdrängungseffekten: Von zehn neuen Arbeitslosen in dieser Zeit waren vier bis acht eine Folge der Zuwanderung. Andreas Schieder, der Spitzenkandidat der SPÖ bei der kommenden EU-Wahl, täte in seinem politischen Eigeninteresse wohl gut daran, nicht den UN-Migrationspakt zu verteidigen, sondern die Konsequenz der Wifo-Studie für Wien zu bedenken: So war die Bundeshauptstadt demnach von den Schocks seit 2011 am stärksten betroffen - auch, weil sie als Metropolregion für Arbeitssuchende aus dem Ausland besonders attraktiv ist.
Nun haben führende Migrationsforscher - wie der in Princeton lehrende Soziologe Alejandro Portes bereits in der "International Migration Review" des Jahres 1976 - festgestellt, dass das Problem des "Brain Drain", also der Abwanderung der besten Talente aus den armen Regionen im Rahmen der Migration, einfach nicht aus der Welt debattiert werden kann. Das "British Medical Journal" schrieb dazu schon 2002 - und seither hat sich die Lage noch verschlimmert -, dass die Migration medizinischer Fachkräfte aus Entwicklungsländern zu einem Hauptproblem der Weltgesundheit geworden ist. Der durch Massenmigration verursachte "Brain Drain" verschlechtert die ohnehin erschöpften Gesundheitsressourcen in armen Ländern und vergrößert die Lücke bei gesundheitlichen Ungleichheiten weltweit.
All die Stimmen, die in den vergangenen Tagen in den Medien in Österreich zum Migrationspakt zu Wort kamen, haben nicht darauf hingewiesen, dass allein in Afrika, wo die Gesundheitsbedürfnisse und -probleme am größten sind, jährlich rund 23.000 qualifizierte Akademiker auswandern. Mehr als 150.000 philippinische und 18.000 simbabwische Krankenschwestern arbeiten im Ausland. In der Weltbank-Publikation "Physician Brain Drain - Size, Determinants and Policy Issues" von Frédéric Docquier und Hillel Rapoport ist auch zu lesen, dass pro Jahr aus Indien 70.000 Ärzte auswandern, aus den Philippinen 20.000, aus Pakistan 16.000 und aus Mexiko 13.000. Es kann und darf nicht die Aufgabe internationaler Organisationen sein, das Geschäft der Headhunter zu betreiben. Nachhaltige Entwicklung ist das nicht, egal wie man zur türkis-blauen Regierung steht.
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Gastkommentar​Migration​UNO​SPÖ​Arbeitslose
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23 Kommentare
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European Citizen
14.11.2018, 11:12 Uhr
Schade, dass die gesteuerte Zuwanderung wie sie der Pakt vorsieht - von so vielen als Bedrohung und nicht als Bereicherung angesehen wird! Und das bei einer rapid alternden Bevölkerung!
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Moritz Streber
07.11.2018, 22:27 Uhr
Es ist ein Wunder, daß es eine Zeitung gibt, welche die Wahrheit druckt. Es ist eine Freude, daß wir Personen haben, welche die Problematik der derzeitigen Situation folgerichtig beleuchten.
Anstelle der "Glocke" und der "Bürgschaft" sollten Jugendliche den Artikel -Kein guter … mehr
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Werner Demel
07.11.2018, 22:05 Uhr
Die linken Globalisierer wollen die Nationalstaaten abschaffen und eine zentrale, natürlich kommunistische, Weltregierung. Um dieses Ziel zu erreichen missbrauchen sie die Migranten als Waffe, um die Kultur und Identität der Nationalstaaten zu zersetzen, weil diese ihrer neuen … mehr
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blast from the past13.11.2018, 13:41 Uhr
Na jetz kenn ich mich nimma aus. Is Rot jetz Tot oder wird grad die kommunistische Weltherrschaft vorbereitet?
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Wolfi
07.11.2018, 13:31 Uhr
Was auch noch erwähnenswert ist, ist der Umstand, dass die besser gebildeten ohnehin zumeist in die Staaten auswandern und bei uns eher die ungebildeten hängen bleiben.
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Schäfli-Mauersperger07.11.2018, 14:26 Uhr
Genau das zeigt deutlich, dass in Sachen "Bildung" unser Staat als sehr rückständig angesehen wird.
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Querdenker07.11.2018, 10:25 Uhr
Der Verweis auf Prof.Tausch scheint mir nicht gerade glücklich. "Tausch shows that he [also] does not have enough data" (Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP) 1/2011, S. 100-102) und das zeigt mir, dass seine Vorschläge nicht überaus fundiert sein können. Es … mehr
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Tictac
07.11.2018, 12:41 Uhr
In dem Pakt geht es um Migranten, nicht um Flüchtlinge.
Es gibt Länder, die die jungen Innovativen gezielt mit erleichterten Visumsbedingungen anlocken.
Wir sollen sie stattdessen ins Sozialnetz locken, was vielleicht nicht ganz so schlau ist.
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