GLOSSEN
Zeit und Wert
0
1
Über den Versuch, Holz als eine Art grüne Sparbüchse zu betrachten.
vom 05.09.2021, 11:00 Uhr
7
Stefanie Holzer
Stefanie Holzer, geb. 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
Der Holzpreis, da waren sich alle einig, war über einen langen Zeitraum viel zu niedrig gewesen. Also haben viele Waldbesitzer, wenn es ging, ihre Bäume als eine Art grüne Sparbüchse im Wald gelassen. Fichten sind relativ schnellwüchsige Bäume, die eine Umtriebszeit von 80 bis 120 Jahren haben. Einzelne können allerdings auch bis zu 300 Jahre alt werden - wenn sie nicht schon vorher morsch sind. Ein Nachbar hatte so lange auf einen anständigen Preis gewartet, dass ich fürchtete, eine seiner über 30 Meter hohen Fichten könnte vor der erhofften Preissteigerung auf unser Haus stürzen. Das ist zum Glück nie passiert. Erheblich jünger als seine Bäume, ist unser Nachbar vor ein paar Jahren gestorben.
Mehr zu diesem Thema
Der Herr Urban
28.11.2021 21
Marcel Proust: Ein Quantum reiner Zeit
09.07.2021 7 1
Seine Erben ließen die Bäume fällen, da mit allen anderen Baumaterialien auch das Holz erheblich teurer geworden war und somit bessere Preise bezahlt werden. Der sogenannte "Harvester" hauste im Wald, und bald wurde offenbar, dass es wieder keinen "guten Preis" geben würde, denn die Bäume waren während des Wartens kernfaul geworden. Die von außen wertvoll aussehenden 150 Jahre alten Baumriesen hatten ein wertminderndes Inneres.
Die Wertminderung bei Bäumen hat einsichtige Gründe. Allerdings ganz so "einsichtig" auch wieder nicht, wenn man liest, dass auch die Fichten unseres Nachbarn am Bau Verwendung finden können. Sie werden nur schlechter bezahlt. Dass Dinge keinen absoluten Wert haben, sondern immer nur so viel wert sind, wie jemand dafür zu geben bereit ist, wissen wir aus Filmen, die im Orient spielen. Aber nicht nur dort ist nix fix. Manche Dinge werden mit der Zeit immer wertvoller. Andere sind nur neu etwas wert.
Meine Tante besitzt ein Kaffee-Service, das ihr als der Inbegriff der Eleganz erschien, als sie es erstand. Ich würde es "zeitlos" nennen, was im Vergleich zur Einschätzung "elegant" schon eine gewisse Werteinbuße darstellt. Meine Cousine jedoch findet das Service altmodisch - und damit ist es nahezu wertlos. Es überdauert jetzt in einem Schrank, bis vielleicht eine Tochter oder eine Enkelin meiner Cousine einmal Gefallen daran findet und seinen Wert wieder steigert.
Im Frühling wird man die Waldparzelle wieder aufforsten. Jemand, der jetzt zwischen 30 und 40 Jahre alt ist, pflanzt dann Bäume, die ihren höchsten Wert erst nach seinem Tod erreichen. Welches Holz wird in dieser fernen Zukunft am meisten Geld bringen? Wird wieder einmal alles in dunkler Eiche sein? Oder hat man dann helle Birke lieber? Oder soll der Waldbesitzer trotz Klimasorgen doch noch einmal auf die Fichte setzen? Das Pflanzen von Bäumen ist wie Wetten bei einem furchtbar langsamen Pferderennen.
Schlagworte
GlossenStefanie Holzer​Bäume​Holz​Wert​Wirtschaft​Erbe​Zeit​Extra
7
Weiterlesen in Glossen
GLOSSEN
Dann halt nass
23.01.2022 2 1
GLOSSEN
Haarige Sachen und gefiederte Freunde
22.01.2022 4
GLOSSENHAUER
Wahrheit für alle!
21.01.2022 12 5
WIENER JOURNAL
Vom Anschreien allein wird nichts besser
21.01.2022 5 1
1 Kommentar
Kommentar schreiben
wartl
06.09.2021, 12:38 Uhr
Kernfaule Fichten: War das im Einzugsbereich einer Schwefeldioxid-Emission (wie etwa Kupferverhüttung in Brixlegg)? Das wirkt sich nämlich bis etwa 200 m über dem Talboden aus. Für eine Verwendung als Bauholz ist nur der nicht faule Anteil verwendbar, meist gehen solche Stämme mehr
antworten
0
0

melden
zur Startseite
Sanktionen - ja, vielleicht. Aber welche?
E-PAPER
für alle Endgeräte
JETZT TESTEN
ABOS
immer bestens informiert
JETZT WÄHLEN
NEWSLETTER
täglich informiert
JETZT ABONNIEREN

Impressum Kontakt AGBDatenschutz Cookie-Policy
Wiener Zeitung Gruppe: Unternehmen​Mediasales Jobs Redaktion​Redaktionsstatut​English Information about WZAboangebote

© 2022 Wiener Zeitung GmbH
Unterstützen Sie Qualitätsjournalismus mit Ihrer Zustimmung
Bitte stimmen Sie der Verwendung von Analyse- und Marketing-Cookies auf der Webseite der Wiener Zeitung zu. Damit helfen Sie uns, unsere Webseite zu verbessern und wir können Ihnen damit für Sie zugeschnittene Werbung präsentieren. Ihre Zustimmung können Sie jederzeit in den Cookie Einstellungen (Sie finden am linken unteren Bildschirmrand ein hellblaues Schild.) widerrufen.

Analyse- und Marketing-Cookies sind technisch nicht erforderliche Cookies, die nur aufgrund Ihrer Zustimmung in Ihrem Endgerät gespeichert werden dürfen. Durch die Bestätigung des Buttons „Cookies akzeptieren“ erteilen Sie uns Ihre Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies. Sie können auch die Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies mit dem Button "Alle ablehnen" bzw. über die „Cookie Einstellungen“ verweigern.

Mit Hilfe von Cookies verarbeitete personenbezogene Daten werden von der Wiener Zeitung und von Werbepartnern (IAB und IAB-Lieferanten) verarbeitet. Im Rahmen der Verarbeitung erfolgt eine Speicherung von Informationen im Endgerät des Webseitenbesuchers und können die Wiener Zeitung und Werbepartner der Wiener Zeitung auf Informationen im Endgerät, z.B. auf eindeutige Kennungen in Cookies, des Webseitenbesuchers zugreifen. Nähere Informationen zu Cookies und zum Widerruf technisch nicht erforderlicher Cookies finden Sie in unserer Cookie Policy
Ihre Zustimmung bezieht sich auch auf die Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dienstleister in den USA. Nach einer Entscheidung des EuGH gewährleisten die USA kein ausreichendes Datenschutzniveau.
Zu diesen Zwecken verwenden wir Cookies
Genaue Standortdaten verwenden. Geräteeigenschaften zur Identifikation aktiv abfragen. Informationen auf einem Gerät speichern und/oder abrufen. Personalisierte Anzeigen und Inhalte, Anzeigen- und Inhaltsmessungen, Erkenntnisse über Zielgruppen und Produktentwicklungen.

StartseiteMeinungGlossen