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Aretha und Tina: Heldinnen wider Willen
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Tina Turner und Aretha Franklin: Zwei große Frauen der Popgeschichte im Licht einer neuen Doku und einer Serie.
vom 18.06.2021, 09:00 Uhr | Update: 18.06.2021, 16:18 Uhr
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Aretha Franklin (Cynthia Erivo) vor den für sie so wichtigen Fame Studios im Süden der USA.
© Disneyplus
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Christina Böck
Leitung Feuilleton

Es sind schon harte Worte, die Tina Turner da am Beginn des neuen Dokumentarfilms "Tina" ausspricht. Gemeinhin erwartet man von Menschen in einem gewissen Alter ein Bedürfnis danach, sich mit dem eigenen Schicksal zu versöhnen. Diese Erwartung erfüllt Tina Turner aber nicht. "Ich hatte kein gutes Leben", sagt sie. Und wer auch nur Bruchstücke ihrer Biografie kennt, wird verstehen, was sie meint. Aber sie präzisiert auch: "Mein Leben war so ganz anders, als ich es selbst bin. Das Gute, das ich erlebt habe, gleicht das Schlechte nicht aus." Das ist durchaus ein Schlag in die Magengrube. Der Film macht von Anfang an kein Hehl daraus, dass er eine Überlebende porträtiert. Eine Frau, die jahrelang von ihrem Mann ausgenutzt, geschlagen, vergewaltigt - ja, sie selbst sagt, gefoltert wurde. Im Film "What’s love got to do with it" aus dem Jahr 1991 (basierend auf Turners Autobiografie "Ich, Tina") wurde dieser Alptraum von einer Ehe bereits eindringlich illustriert, welche neuen Erkenntnisse soll also eine neuerliche Dokumentation, zumal eine recht konventionell gestaltete, bringen? Nun, Angela Bassett hat das Leiden der Tina Turner im Film zwar bestechend vermittelt, aber wenn man aus Tinas eigenem Mund hört, wie sie nach einer der üblichen Vergewaltigungen mit "geschwollener Scheide" und überschminkten Hämatomen auf die Bühne ging, als sei nichts gewesen, ist das noch ein bisschen unerträglicher.
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"Tina": im Kino

"Genius: Aretha Franklin": zum Streamen auf Disneyplus
Tina Turner mit Rockermatte und Silberfähnchenkleid, diese Kraft und dann diese Beine - ein ikonisches Bild aus den 80ern. - © HBO
Rohe Wildheit
Alles hat seine Gründe, so will es auch eine Dokumentarfilm-Dramaturgie: Gleich zu Beginn wird eine wichtige Niederlage von Ike Turner thematisiert: Er schrieb mit dem Lied "Rocket 88" 1951 den ersten Rock‘n‘Roll-Song - zugeschrieben wurde er aber Jackie Brenston. Das und andere Erfahrungen ließen Ike Turner paranoid werden: Er befürchtete bei jedem, mit dem er zusammenarbeitete und den er vorwärtsbrachte, Verrat. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für seine Zusammenarbeit mit Anna Mae Bullock. So hieß Tina Turner, bevor ihr Ike den Namen Tina verpasste - gefragt, ob sie das will, hat er sie nicht. Bei ihr versuchte er mit aller Gewalt, zu verhindern, dass sie ihn verlässt, nachdem er sie zum Star gemacht hatte.
Denn, und das ist auch Ike Turner nicht entgangen, der Star der Verbindung war natürlich Tina. Sie war es, die die rohe Wildheit in die Musik brachte, die den Sex auf die Bühne brachte. Eine treffende Beschreibung fällt auch: Tina Turner als der Original-Jagger. Es geht gar nicht anders, als den Befreiungsschlag und ihren Kampf um die Solokarriere zu bewundern. Und doch gibt es einem einen Stich im Herzen, dass Tina Turner nie etwas anderes wollte, als die schlimme Zeit, die sie erlebt hat, hinter sich zu lassen, abhaken zu können. Und jeder Versuch, den sie dazu gestartet hat, endete in noch mehr öffentlichem Interesse. Der Film - der im Grunde auch ein Abschied der Künstlerin von ihren Fans ist - macht deutlich: Tina Turner ist eine Heldin. Dabei hätte sie lieber einfach nur ein gutes Leben gehabt.
Eine andere große Frau der populären Musikgeschichte steht wiederum im Mittelpunkt einer Serie bei Disneyplus: Aretha Franklin. Schon in der ersten Folge wischt sie sich die Schminke vom Gesicht und macht so ein Veilchen unter dem Auge sichtbar. Sie war gerade von der Bühne gekommen, wo sie ihren Hit "Respect" gesungen hatte und ihrem Publikum erklärt hatte, dass Respekt auch bedeutet, dass sie ihre Gage schon bekommen hat.
Goscherte Prinzessin
"Ich bin eine Prinzessin in einem Märchen", das sagt Aretha Franklin hier einmal und es ist zu dem Zeitpunkt gar kein sarkastischer Witz. Obwohl sie auch das gut kann. Denn diese Serie zeichnet die Sängerin als eine - wie man in Wien sagen würde - goscherte Zeitgenossin. Wenn ihr Mann sagt, er kauft ihr eh alles, dann sagt sie, ja von meinem Geld. Wenn der Plattenproduzent sagt, ja wollen sie denn die nächste Judy Garland werden, dann sagt sie, warum eigentlich nicht. Und das in einer Zeit, in der das Goschertsein für Frauen wenig karrierefördernd war, aber dafür blaue Augen einbrachte.
Die Serie springt in verschiedene Zeitebenen von Franklins Biografie, und legt besonderen Wert auf ihre frühe Jugend und da auf die Beziehung zu ihrem Vater. Der Prediger C.L. Franklin "liebt den Samstagabend und den Sonntagmorgen". Er ist sehr flexibel in seiner Partnerinnenwahl und so kann es ihm schon einmal passieren, dass er nicht bemerkt, dass seine 12-jährige Tochter bei einer seiner Partys geschwängert wird. Geschockt hat er aber schnell die Lösung parat: "Wir sehen dieses Opfer als einen Teil des Auftrags, den Gott für sie hat". Und doch ist die Mischung aus Lebensfreude oder Hedonismus und Glauben etwas, das Aretha Franklin zeitlebens geprägt hat. Dieser Hintergrund ist tatsächlich hilfreich, um Aretha Franklin und ihren Sound und seine Wirkung vor allem auch für die Bürgerrechtsbewegung zu verstehen. Um die Suche nach diesem persönlichen Stil geht es vor allem in dieser Serie - in den Fame-Studios von Jerry Wexler. "Funky und göttlich zur selben Zeit" will Aretha klingen - wie soll das zusammen mit einer rein weißen Band funktionieren? Nicht nur in dieser Szene, die changiert von Verärgerung über die Musiker über kreatives Herantasten bis zur musikalischen Explosion, wenn sie "I never loved a man the way I love you" singt und ihren Mann dabei anfunkelt, verleiht Schauspielerin Cynthia Erivo Franklin eine prickelnde Präsenz. "Mein Gesang ist mein Schutzengel", sagt sie einmal. Einer, der einem ein für alle Mal Respekt verschafft.
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