ISRAEL
Bennett löst Netanjahu ab - Der pragmatische Maximalist
7
1
Naftali Bennetts Kür zum Premierminister beendet nach zwölf Jahren nicht nur die Ära Netanjahu. Der siedlerfreundliche Hardliner ist auch der erste deklariert religiöse Regierungschef Israels.
vom 13.06.2021, 20:05 Uhr | Update: 14.06.2021, 15:00 Uhr
Netanjahu war über viele Jahre Bennetts Mentor. Nun greift der Jamina-Chef selbst nach der Macht.
© afp / Atef Safadi
7
Ronald Schönhuber
Leitung Außenpolitik, Redakteur

Wie groß die Verbundenheit zur Familie Netanjahu einmal gewesen ist, ist schwer zu übersehen. Als Naftali Bennetts erster Sohn geboren wurde, nannte er diesen nach Benjamin Netanjahus Bruder Yoni. Yoni Netanjahu war 1976 in Uganda ums Leben gekommen, als sein Spezialkommando in einer spektakulären Aktion das Flughafengebäude in Entebbe stürmte, um knapp 100 Geiseln aus den Händen palästinensischer Entführer zu befreien.
Mehr zu diesem Thema
Netanjahu-Abschied, Premier Bennett gewann
1 1
Israels Parlament versammelte sich zur Abstimmung
2
"Bibi" vor dem Abschied - Israel entscheidet über Ministerpräsidenten
4 2
Israel und die Emirate: Nicht mehr Feind, noch nicht Freund
6
Ein Verbündeter ist Bennett, der unter Israels längstdienendem Premier bis zum Mai 2020 noch Verteidigungsminister war, nun allerdings nicht mehr. Vielmehr ist der 49-Jährige jener Mann, der "König Bibi" nach zwölf Jahren von der Macht verdrängt. In der Knesset bekam die Koalitionsregierung, die Oppositionsführer und Jesh-Atid-Chef Jair Lapid unter der Bedingung, Bennett für zwei Jahre den Vortritt als Regierungschef zu lassen, zusammengezimmert hat, am Sonntag die entscheidende Mehrheit.
Ungewöhnliche Allianzen
Bennett wird damit einer in vielerlei Hinsicht historischen Regierung vorstehen. Das neue Bündnis umfasst nicht nur eine Rekordzahl an Parteien - neben linken und hart rechten Parteien wie Bennetts Jamina ist erstmals auch eine arabisch-islamistische Liste vertreten -, mit acht Ministerinnen ist auch der Frauenanteil im Kabinett so hoch wie nie zuvor. Und mit gerade einmal sieben Mandaten in der 120 Sitze zählenden Knesset  ist der ehemalige Internet-Unternehmer und Selfmade-Millionär auch jener israelische Premierminister, der es mit dem geringsten Stimmanteil ganz nach oben geschafft hat.
Das wirklich Besondere ist aber wohl, dass Israel mit Bennett erstmals in der Geschichte einen deklariert religiösen Regierungschef bekommt. David Ben-Gurion, der Architekt der israelischen Unabhängigkeit, hatte bei einer Volkszählung im Jahr 1960 sein Kreuz noch beim Kästchen "Atheist" gemacht und auch seine Nachfolger stammten in den darauffolgenden Jahrzehnten alle aus dem säkularen linken Lager. Selbst für Netanjahu, der seinen langjährigen Koalitionspartner Bennett im Lauf der Zeit mit fünf verschiedenen Ministerämtern betraut hat, hat Religion nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Der rechtskonservative Langzeitregierungschef arbeitet regelmäßig am Sabbat und geht eher selten in die Synagoge.
Für den stets die Kippa tragenden Bennett ist Religion dagegen Kernelement des politischen Programms, wenn auch nicht mit dem Vorschlaghammer. Vielmehr hofft der Sohn von US-Einwanderern darauf, dass das Judentum - auch dank seiner Mithilfe - genug Anziehungskraft entwickelt, um all die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und ideologischen Strömungen Israels unter einem Dach zu vereinen.
"Ich bin gegen religiösen Zwang, aber ich glaube, das Judentum ist unser ,Warum‘. Das Judentum ist der Grund für unsere Existenz und die Rechtfertigung unserer Existenz", sagte Bennett einmal gegenüber der israelischen Zeitung "Haaretz".
Annexion als Fernziel
Zu Bennetts oft religiös fundierter Rhetorik passt auch sein Engagement für die Siedlerbewegung. Bereits 2010 war der ehemalige Offizier, der im zweiten Libanon-Krieg 2006 ein Spezialkommando geführt hat und seither das Image des entschlossenen Militärs sorgsam pflegt, zum Vorsitzenden des Jesha-Rats geworden, der als Dachorganisation der israelischen Gemeinden im besetzten Westjordanland fungiert. 2012 übernahm er dann die siedlernahe Kleinpartei Jüdisches Heim, die zum zentralen Vehikel seines rasanten poltischen Aufstiegs werden sollte.
Schlagzeilen machte Bennett dabei vor allem mit seiner scharfen und kompromisslosen Haltung gegenüber den Palästinensern und einer Zwei-Staaten-Lösung. Der studierte Jurist spricht sich für eine Annexion von 60 Prozent des Westjordanlandes aus, einen eigenen Palästinenserstaat hält er für ein Desaster. "Ich möchte, dass die Welt versteht, dass ein palästinensischer Staat bedeutet, dass es keinen israelischen Staat gibt. Das ist die Gleichung", sagte Bennett, als er vor rund acht Jahren dem britischen "Guardian" ein Interview gab.
Geändert hat sich an dieser Sichtweise bis heute wenig. Bennett sei ein "territorialer Maximalist", schreibt der in Tel Aviv lebende Analyst und Israel-Experte Oren Kessler in einem Beitrag für das Außenpolitik-Fachmagazin "Foreign Policy". Doch der Hardliner Bennett ist auch ein Pragmatiker der Macht, der weit mehr Facetten und Zwischentöne aufweist, als ihm seine politischen Gegenspieler zumeist zugestehen wollen.
So lebt Bennett anders als viele Spitzenpolitiker von Rechtsparteien nicht in einer Siedlung im Westjordanland, sondern zusammen mit seiner Frau Gilat, einer berühmten Szene-Gastronomin, in einem wohlhabenden Vorort von Tel Aviv. Und auch in gesellschaftspolitischer Hinsicht, etwa bei den Rechten von Schwulen oder Lesben, gibt sich der Vater von vier Kindern durchaus liberal. In der fragilen und so diversen Anti-Netanjahu-Allianz könnte dieser Pragmatismus vielleicht Bennetts politische Lebensversicherung sein. "Keiner muss seine Ideologie aufgeben", sagt der Jamina-Chef, als er vor knapp zwei Wochen die Einigung mit Jair Lapid verkündete. "Aber wir alle müssen die Verwirklichung von einigen unserer Träume nach hinten verschieben."
Schlagworte
IsraelNaftali BennettBenjamin Netanjahu​Knesset​Premierminist​Zwei-Staaten-Lösung​Siedler​News
7
Weiterlesen in Welt
ATOMWAFFEN
China erweitert Areal für Raketen
26.07.2021 3 3
USA
Der U-Ausschuss zum Kapitolsturm als Minenfeld
26.07.2021 2 1
DIPLOMATIE
Spannungen zwischen USA und China
26.07.2021 9 23
UN-BERICHT
Zahl der zivilen Opfer in Afghanistan stark gestiegen
25.07.2021 6 1
1 Kommentare
Kommentar schreiben
Isabel Schnabel
14.06.2021, 08:00 Uhr
Auch ein gefährlicher National Sozialist - aber wegen Regenbogenregierugn viel weniger Macht um Netahyahu's Erbe weiter zu fuehren.
WANN steht in Israel ein Nelson Mandela auf?
antworten
6
2

melden
zur Startseite
Anstellung pflegender Angehöriger ist teuer
E-PAPER
für alle Endgeräte
JETZT TESTEN
ABOS
immer bestens informiert
JETZT WÄHLEN
NEWSLETTER
täglich informiert
JETZT ABONNIEREN

Impressum Kontakt AGBDatenschutz Cookie-Policy
Wiener Zeitung Gruppe: Unternehmen​Mediasales Jobs Redaktion​Redaktionsstatut​English Information about WZ Aboangebote
Unterstützen Sie Qualitätsjournalismus mit Ihrer Zustimmung


Mit Hilfe von Cookies verarbeitete personenbezogene Daten werden von der Wiener Zeitung und von Werbepartnern (IAB und IAB-Lieferanten) verarbeitet. Im Rahmen der Verarbeitung erfolgt eine Speicherung von Informationen im Endgerät des Webseitenbesuchers und können die Wiener Zeitung und Werbepartner der Wiener Zeitung auf Informationen im Endgerät, z.B. auf eindeutige Kennungen in Cookies, des Webseitenbesuchers zugreifen. Nähere Informationen zu Cookies und zum Widerruf technisch nicht erforderlicher Cookies finden Sie in unserer Cookie Policy
Ihre Zustimmung bezieht sich auch auf die Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dienstleister in den USA. Nach einer Entscheidung des EuGH gewährleisten die USA kein ausreichendes Datenschutzniveau.
Zu diesen Zwecken verwenden wir Cookies
Genaue Standortdaten verwenden. Geräteeigenschaften zur Identifikation aktiv abfragen. Informationen auf einem Gerät speichern und/oder abrufen. Personalisierte Anzeigen und Inhalte, Anzeigen- und Inhaltsmessung, Erkenntnisse über Zielgruppen und Produktentwicklung.

StartseitePolitikWelt