PRÄSIDENTENWAHL
Knappes Ergebnis bringt Peru bange Tage
3
0
Der Marxist Pedro Castillo liegt nach Auszählung aller Stimmen bei der Präsidentenwahl hauchdünn voran. Wohlhabende Peruaner ziehen bereits ihr Geld ab - und hoffen, dass Gericht die Rechtspopulistin Fujimori noch zur Siegerin machen.
vom 16.06.2021, 17:25 Uhr | Update: 17.06.2021, 15:52 Uhr
+ 1 Bild
Pedro Castillo ließ sich bereits als Wahlsieger feiern.
© APAweb / Reuters / Sebastian Castaneda
3
Aufgewachsen ist Pedro Castillo als Sohn von Analphabeten mit neun Geschwistern. Zur Schule musste er jeden tag zwei Stunden durch die peruanischen Anden gehen. Nun stand der Mann aus der Dorfhütte mit Hemd, Sakko und großem Sombrero auf einem Balkon in der Hauptstadt Lima im Konfettiregen vor Tausenden Menschen, die ihm zujubelten. Denn nach Auszählung aller Stimmen ist Pedro Castillo der nächste Präsident des lateinamerikanischen Landes.
Mehr zu diesem Thema
Wahl der Extreme in Peru
03.06.2021 4
Pedro Castillo: Perus Überaschung von links
12.04.2021 10 1
Der frühere Lehrer und Gewerkschaftsführer von der leninistisch-marxistischen Partei "Freies Peru" hat sich bereits zum Sieger erklärt. Allerdings ist sein Vorsprung äußerst knapp: Castillo kommt nach Auszählung aller Stimmen auf 50,125 Prozent und liegt damit laut Wahlkommission in dem knapp 33 Millionen Einwohner zählenden Land nur 44.058 Stimmen vor seiner rechtspopulistischen Rivalin Keiko Fujimori mit 49,875 Prozent.
Hier finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt. Sie können sich diesen Inhalt mit einem Klick dauerhaft oder nur einmal anzeigen lassen und ihn später wieder ausblenden. Sie erklären sich damit einverstanden, dass dabei personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt und so genannte Cookies gesetzt werden können. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

immer aktivieren einmal aktivieren
Diese hat bereits von Wahlbetrug gesprochen und wird das Ergebnis vor Gericht anfechten. Allerdings konnte die Tochter von Ex-Diktator Alberto Fujimori noch keine Beweise für ihre Vorwürfe vorlegen, und auch internationale Wahlbeobachter haben den Urnengang als fair bezeichnet.
Jedenfalls bringt das knappe Ergebnis Peru nun äußerst bange Tage. Denn zu welchem Schluss der oberste Wahlgerichtshof auch kommt, entscheidend für die Stabilität des Landes wird sein, inwieweit das unterlegene Lager seine Niederlage akzeptiert. Aber schon der Wahlkampf war enorm aggressiv und polarisierte.
Keiko Fujimori spricht von Wahlbetrug. - © reuters / Angela Ponce
So galt Castillo als Kandidat der Armen, und tatsächlich hat er offenbar vor allem von der zurückgelassenen Dorfbevölkerung und städtischen Tagelöhnern Stimmen bekommen. Fujimori hingegen galt als Kandidatin der Reichen und lag bei der urbanen Mittel- und Oberschicht deutlich voran. So erhielt sie in San Isidro, dem wohlhabendsten Stadtteil von Lima, 88 Prozent der Stimmen, während in der ärmsten Andenregion Huancavelica 85 Prozent der Wähler für Castillo votierten.
Die Aussicht auf eine Präsidentschaft Castillos sorgt nun vor allem in den Städten bei etlichen Peruanern bereits für Panik. Die Banken haben bereits Dollarnoten bestellt, weil so viele Bürger ihre peruanischen Sol umtauschen wollen. Die Landeswährung hat auch schon seit der ersten Wahlrunde am 11. April, aus der Castillo überraschend als Sieger hervorging und sich Fujimori als zweite für die Stichwahl qualifizierte, etwa acht Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren.
Außerdem ziehen offenbar viele Wohlhabende ihr Vermögen aus dem Land ab. "Ich würde nicht einen Cent in Peru lassen", sagte ein auf Anlageberatung spezialisierter Anwalt der Nachrichtenagentur Reuters:. "All meine Freunde haben ihr Geld bereits ins Ausland gebracht."
Angst, dass Peru zu zweitem Venezuela wird
Genährt werden die Ängste davon, dass Castillo als eines seiner Vorbilder Venezuelas Ex-Präsidenten Hugo Chavez nennt. Ein linker Staatsumbau hat Venezuela mittlerweile in den finanziellen Ruin getrieben und für Millionen Flüchtlinge auf dem Kontinent gesorgt.
Auch Castillo und seine marxistischen Mitstreiter haben Reformen für Peru angekündigt: Sie wollen die Verfassung ändern und die Medien stärker kontrollieren. Außerdem will der gesellschaftspolitisch äußerst konservative Katholik Castillo - er ist gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibungen und hält Genderdebatten für unnötig - ein umfassendes Sozialprogramm auflegen. "Nie mehr arm in einem reichen Land" war schon der Wahlkampfslogan des Mannes, der selbst aus der Region um die Stadt Cajamarca stammt, in der eine der größten Goldminen der Welt liegt, aber viele Menschen enorm arm sind.
Genau die Minenbetreiber - Peru ist der zweitgrößte Kupferproduzent der Welt - will nun Castillo stärker zur Kasse bitten. So haben viele Investoren Abkommen mit der peruanischen Regierung getroffen, die ihnen garantieren, dass keine Steuererhöhungen auf sie zukommen dürfen. Die Vereinbarungen gelten teilweise für die nächsten 20 Jahre. Genau diese Abkommen will Castillo nun aufschnüren.
Der Kongress ist mächtig - und zersplittert
Allerdings ist ohnehin fraglich, wie viel Spielraum der Linkspolitiker überhaupt haben wird. Denn ihm steht ein Kongress gegenüber, der zersplittert und zugleich sehr mächtig ist. So haben -neben anderen Gründen - fehlende stabile Mehrheiten dafür gesorgt, dass das Land in den vergangenen fünf Jahren vier verschiedene Präsidenten hatte. Federführend beteiligt an der Absetzung von Staatsoberhäuptern war dabei immer wieder Keiko Fujimori.
Dieser drohen bei einer Niederlage nun Gerichtsverfahren wegen Korruption und illegaler Wahlkampffinanzierung. Auch deshalb wird sich die 46-Jährige, die im Wahlkampf ständig vor dem Einzug des Kommunismus in Peru warnte, mit allen Mitteln gegen ihre Niederlage wehren.
Sollte sich das Blatt allerdings noch wenden und nach den Gerichtsverfahren Fujimori als Siegerin hervorgehen, werden das wohl auch Anhänger Castillos nicht klaglos hinnehmen. Vielmehr würden sich etliche Arme, an denen der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre vorbei gegangen ist, erneut betrogen fühlen.(klh)
Schlagworte
Präsidentenwahl​Peru​Pedro CastilloKeiko Fujimori​Südamerika​Freies Peru​Rechtspopulismus​Kupfer
3
Weiterlesen in Welt
LIBANON
Der zerbrochene Staat: Der Libanon nach dem Knall
31.07.2021 6
CORONAVIRUS
Internationale Organisationen fordern Impfstoff für alle
31.07.2021 4
WELTKLIMAKONFERENZ
CO2-Sparpläne vor Klimakonferenz reichen nicht
31.07.2021 4 4
TUNESIEN
Abgeordneter nach Kritik an Präsident Saïed festgenommen
31.07.2021 1 1
0 Kommentare
Kommentar schreiben
Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.
Passwort vergessen?
Kommentar schreiben
* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)
E-Mail *
Ihr Passwort *
Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.
Bei Antworten benachrichtigen
Absenden
zur Startseite
Der zerbrochene Staat: Der Libanon nach dem Knall
E-PAPER
für alle Endgeräte
JETZT TESTEN
ABOS
immer bestens informiert
JETZT WÄHLEN
NEWSLETTER
täglich informiert
JETZT ABONNIEREN

Impressum Kontakt AGBDatenschutz Cookie-Policy
Wiener Zeitung Gruppe: Unternehmen​Mediasales Jobs Redaktion​Redaktionsstatut​English Information about WZ Aboangebote
Unterstützen Sie Qualitätsjournalismus mit Ihrer Zustimmung
Bitte stimmen Sie der Verwendung von Analyse- und Marketing-Cookies auf der Webseite der Wiener Zeitung zu. Damit helfen Sie uns, unsere Webseite zu verbessern und wir können Ihnen damit für Sie zugeschnittene Werbung präsentieren. Ihre Zustimmung können Sie jederzeit in den Cookie Einstellungen (Sie finden am linken unteren Bildschirmrand ein hellblaues Schild.) widerrufen.

Analyse- und Marketing-Cookies sind technisch nicht erforderliche Cookies, die nur aufgrund Ihrer Zustimmung in Ihrem Endgerät gespeichert werden dürfen. Durch die Bestätigung des Buttons „Cookies akzeptieren“ erteilen Sie uns Ihre Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies. Sie können auch die Zustimmung zu allen technisch nicht erforderlichen Cookies mit dem Button "Alle ablehnen" bzw. über die „Cookie Einstellungen“ verweigern.

Mit Hilfe von Cookies verarbeitete personenbezogene Daten werden von der Wiener Zeitung und von Werbepartnern (IAB und IAB-Lieferanten) verarbeitet. Im Rahmen der Verarbeitung erfolgt eine Speicherung von Informationen im Endgerät des Webseitenbesuchers und können die Wiener Zeitung und Werbepartner der Wiener Zeitung auf Informationen im Endgerät, z.B. auf eindeutige Kennungen in Cookies, des Webseitenbesuchers zugreifen. Nähere Informationen zu Cookies und zum Widerruf technisch nicht erforderlicher Cookies finden Sie in unserer Cookie Policy
Ihre Zustimmung bezieht sich auch auf die Verarbeitung personenbezogener Daten durch Dienstleister in den USA. Nach einer Entscheidung des EuGH gewährleisten die USA kein ausreichendes Datenschutzniveau.
Zu diesen Zwecken verwenden wir Cookies
Genaue Standortdaten verwenden. Geräteeigenschaften zur Identifikation aktiv abfragen. Informationen auf einem Gerät speichern und/oder abrufen. Personalisierte Anzeigen und Inhalte, Anzeigen- und Inhaltsmessung, Erkenntnisse über Zielgruppen und Produktentwicklung.

StartseitePolitikWelt